Beim Bergsteigen verunglückt

Postkarte aus dem Stadtarchiv Innsbruck. ca. 1905-1915.

#Alpine Zeitung.

#Nachrichten aus deutschen, österreichischen, und schweizerischen Bergen, Kurorten, Sommerfrischen und Bädern.

Es sind jetzt volle vier Monate, seit zu Ende der ersten Maiwoche, frühzeitiger als sonst üblich, die ersten Hiobsposten über Abstürze mit tödtlichem Ausgange hier eintrafen, und wenn man heute die Liste der Verunglückten – es sind heuer 57, darunter drei Bergsteigerinnen – überblickt und den eigentlichen Ursachen der Unfälle nachgeht, so findet man, daß der Wagemuth und auch oft die Selbstüberschätzung der jüngeren Männerwelt, und ferner, daß schlechte Ausrüstung und noch weit mehr das führerlose Inangriffnehmen ungenügend gekannter Berge die eigentlichen Anlässe zum schrecklichen Ende sind. Erschreckend ist, wie oft heuer das Suchen schöner Alpenblumen den Bergsteigern zum Verderben wird: nämlich in 15 Fällen (= 26 pCt. aller Todesfälle durch Absturz), und zwar wird das Suchen nach Edelweiß neunmal als Veranlassung des Unglückes genannt.
Im Mai verunglückten in den Schweizer, deutschen und österreichischen Bergen 3 Bergsteiger: ein Innsbrucker Harrasser beim Aurikelsuchen am Solstein, der Württemberger Gmähle (Schorndorf) am Pilatus, der Grazer Techniker Schöckel botanisirend am Schöckel.
Der Juni nennt 7 Verunglückte: Tischler Schalck (Hallein) am Untersberg, wo er »Gamsbleamln«, Aronicum glaciale, suchte; die Münchner Stein und Denzel an der Benediktenwand, und Wilfart am Kapuzinerberg bei Salzburg; ein Hannoveraner Ed. Karsten im Kötschachthal; die Bozener Kauer und Schrott am Grasleitenthurm im Rosengarten.
Im Juli sind 22 Todesfälle beim Bergsteigen zu verzeichnen: Bahndirektor Preyer aus Steyr an der Ostwand des Lugauer; die Grazer Greiner und Handlos beim Blumenpflücken am Hochlantsch; die Wiener Bankbeamten Lindenfeld und Schmör am Tepla in der Tatra; der Laibacher Beamte Dr. Jan am Bratsoljefels auf der Kleckalpe; Dr. Wilhelm (Wien) und der Gschnitzer Führer Amors fallen infolge eines Blitzschlages vom Tribulaun ab; am Schwarstein in Oberkärnten erstürzt Hohenwarter aus Greifenberg; am Ifinger vor den Augen seines Bruders der Meraner Tischler Ferai, und am Stol in den Karawanken beim Blumensuchen Kralj aus Unterpörjach – sämmtlich Oesterreicher. Am Untersberg fällt der Schellenberger Müller Kronawittvogel von der Hammerstielwand ab. In der Schweiz stürzt Kaufmann Kießling (Winterthur) durch Einschlagen des Blitzes in eine Wand des Brienzer Rothhorns ab, dann in der Westschweiz ein Herr aus Vevey auf einer nächtlichen (!) Besteigung des Mouveran; ein Herr aus Territet am Rocher de Raye; Jakob Müller aus Zürich am Scalettapaß; Edelweißsammler Herrle auf der Grütschalp; ein Engländer am Biberg bei Kandersteg; eine Miß Bell und Mister Black nach gelungener Bezwingung des Matterhorns, als die Miß beim Jauchzen auf dem Eis ausglitt und den Mister mit hinabriß… Auf der Sultzfluh im Rhätikon fällt sich Dr. Schwarzbach aus Dresden beim Abfahren über den Schnee zu Tode. Am Belchen verunglückt ein Dr. Emden.
Am August fanden in den Alpen 21 Fremde und Einheimische, darunter acht — und zwar lauter Einheimische, nämlich 6 Oesterreicher und 2 Schweizer — beim Edelweißsammeln, den Tod; Zwei davon waren Senner und zwei Andere Bauernjungen, die sämmtlich das Edelweiß zu verkaufen suchten; geradezu erschütternd aber ist der Absturz der 13jährigen muthigen Marie Döttl, welche ihr eigener Vater am Hohen Göhl in die Wände des sogenannten Wilden Freithof hinabseilt, an denen sie wegen Reißens des Seiles zerschmettert wurde. Sonst fielen ab: am Kitzsteinhorn Kaufmann Steinzinger (Linz); Fabrikantenssohn Finger aus Erfurt am »Geleit« im Oetzthal; ein junger Lehrer aus Telfs an der Hohen Munde; der Innsbrucker Landesschütz Mayr im Wippthal; Professor Odörfer (Preßburg) an der Ezerna Pascht (am »schwarzen Finger« in der Triglab-Gruppe); Gg. Peuringer (Wien) im Höllenthal an der Rax vor den Augen seines Bruders; der Bauernsohn Fz. Stocker am Höchstein (Dachsteinmassiv); am Wilden Frieger Privatier Donner aus Wien: ferner am Schlern Pfarrer Harster (Nürnberg) (Herzschlag infolge der Ueber-anstrengung). In der Schweiz verunglückte der Mailänder Gugelloni am Piz Rosetsch (Berninastock); Bankbeamter Porchet in Genf an der Aiguille du Tacul; in Davos und im Kanton Freiburg je ein 17jähriger Edelweißsucher; am Abendberg bei Interlaken Fabrikant Matter aus Mannheim; am Oberbaum am Vierwaldstättersee Schriftsetzer Hurschler (Luzern); am Pilatus Pastor Stengel aus Bernau bei Potsdam. Am Hochkönig bei Werfen erfror ein unbekannter Tourist; in der »Kleinen Fleuß« am Sonnblick in Kärnten fiel ein bisher unbekannter Tourist in eine Gletscherspalte. Von den 21 Opfern des Monats August sind 11 Oesterreicher, 3 Schweizer, 1 Italiener und 6 Deutsche.
Im September verunglückten in der ersten Woche 4 Alpinisten: an der Riffelwand stürzte Ingenieur Brandes, welcher die Aufstellung der Apparate für drahtlose Telegraphie vom Eibsee zum Zugspitzhaus besorgt hatte, gegen das Höllenthal hinab; an der Croda di Lago (»Seewand«) bei Ampezzo fiel der englische Archidiakon Pelham Burn, wahrscheinlich von einem Herzschlag gerührt, an sonst ungefährlicher Stelle ab; am Beguntschigg bei Laibach erstürzte sich ein Gutsbesitzer, und am Gotthard fiel, bei einer führerlosen Streife über den Schloßberggletscher, eine bis jetzt nicht genannte Engländerin in eine Spalte und erfror.
Bemerkenswerth an dieser Todtenliste ist u. A. auch, daß kein Student, kein Offizier und nur ein einziger Bergführer darinsteht, dagegen je 3 vom geistlichen Stande und Lehrfach, und mindestens 7 Bankbeamte und Kaufleute, 3 Ingenieure und Techniker und 2 Aerzte.

Münchner Neueste Nachrichten No. 424. Freitag, den 13. September 1901.