STEPHANSKIRCHE

#SK – N – 3·4 (Merz)


Portraitreliefs
Linke (Rechte) Signatur

A. STEHLE (1899)

FAMILIE MERZ
HIER RUHEN IN FRIEDEN

Linke Spalte
HERR
GEORG MERZ
K. B. HOFOPTIKUS
MITINHABER U. DIRECTOR
DES FRAUNHOFER
OPTISCHEN INSTITUTES
D. K. B. ST. MICH. ORD. I. CLASSE
UND D. PAEBSTLICHEN
ST. SYLVESTER ORD. RITTER.
GEB. 26. JAN. 1793
GEST. 12. JAN. 1867
¿ GATTIN
FRAU ANNA MERZ
¿. NOV. 1792
¿. JUNI 1871
¿ KINDER
MARIA MERZ
¿ DEZ. 1852
¿ APRIL 1855
ANNA MERZ
¿ 1857
¿ JAN. 1858
KATHARINA MERZ
GEB. ¿. 1849
GEST. ¿. MÄRZ 1866

Rechte Spalte
KATHARINA
VON MERZ
GEB. HA¿EDER
¿
KURZ NACH DER FEIER
IHRER GOLDENEN HOCHZEIT
SELIG IM HERRN
ENTSCHLAFEN
GEB. ¿ 1828
GEST. 28. MAERZ 1898
UND IHR GATTE
HERR
DR. SIGMUND
RITTER VON MERZ
RENTNER
VORMALS INHABER U. DIRECTOR
DES FRAUNHOFER
OPTISCHEN INSTITUTES
COMTHUR U. RITTER HOHER ORDEN
GEB. 6. JAN. 1824
GEST. 11. DEZ. 1908

R. I. P.

Sockel
GEORG MERZ K. B. ¿
¿
ANNA MERZ GEB. EICH¿
GEB. 6. FEBR. 18¿ GEST. ¿
GEORG MERZ ¿
GEB. 27. JAN.


  • Merz, Anna; 1857 – Januar 1858 (München), 7 Monate alt; Hofoptikers-Tochter
  • Merz, Anna Maria (vw) / Kienast (gb); 1792 – 27.8.1871 (München); Hofoptikers-Witwe
  • Merz, Georg; 26.1.1793 (Bichl) – 12.1.1867 (München); Optiker
  • Merz, Sigmund Ritter von; 6.1.1824 (München) – 11.12.1908 (München); Optiker
  • Merz, Katharina von (vh) / Hafeneder (gb); 1828 – 28.3.1898 (München); Handelsmanns-Tochter aus Tölz / Optikers-Gattin
  • Merz, Maria; 1852 – 1855

Todesanzeige für Katharina Merz

Todesanzeige für Georg Merz

Todesanzeige für Maria Anna Merz

Todesanzeige für Katharina von Merz

Georg Merz. Porträtsammlung des Münchner Stadtmuseums.

Grab der Familie Merz auf dem Alten Südfriedhof München (Dezember 2012)

Grab der Familie Merz auf dem Alten Südfriedhof München (Dezember 2012)

#Georg Merz

* 26.1.1793 (Bichl)
† 12.1.1867 (München)
Optiker

#Der Lechbote (23.1.1850)

München, 21 Jan. Heute Vormittags überraschte Se. Maj. König Max das optische Institut der HH. Merz und Söhne, ehemals Utzschneider und Fraunhofer, mit einem längerem Besuche, ließ sich die Instrumente und die Werkstätten zeigen, erkundigte sich genau um manche Details mit der Einsicht eines Sachkundigen, fragte den Verhältnissen der Arbeiter mit besonderer Theilnahme nach, und spendete den Vorstehern des Instituts, welches der bayerischen Kunst und Industrie in den fernsten Landen hohen Ruhm bereitet, das größte Lob.

Der Lechbote No. 23. Mittwoch, den 23. Januar 1850.

#Allgemeine Zeitung (19.1.1867)

Deutschland. Bayern. München. Vor ein paar Tagen starb (wie gemeldet) der k. Hofoptikus G. Merz, der ehemalige Direktor des Fraunhofer’schen optischen Instituts. Georg Merz war der Sohn eines armen Leinwebers im Januar 1793 zu Benedictbeuren geboren. Bis zu seinem 15ten Lebensjahr war er ohne bestimmten Lebensplan. Als Geheimerath v. Utzschneider zu Benedictbeuren die Kunstglasfabrik und das optische Institut anlegte, fand der junge Merz als Arbeiter darin Aufnahme. Bei Tag wurde geschliffen, bei Nacht Mathematik und Optik studiert. Besonders erhielt Merz mathematischen Unterricht von P. Rauch, einem Ordenspriester der aufgelösten Benediktiner Abtei Benedictbeuren. Als 1826 Jos. v. Fraunhofer starb, wußte Hr. v. Utzschneider keine tüchtigere Persönlichkeit für die Leitung des Instituts als G. Merz. Von ihm giengen jene Rieseninstrumente an alle Sternwarten Europa’s und Amerika’s, nach Australien und an das Cap der guten Hoffnung. Erst bei vorangerückterem Lebensalter übergab er seinem Sohne Sigmund Merz die Direction, welcher dann die Preise auf den Weltausstellungen errang. (Bayer. Kur.)

Allgemeine Zeitung Nr. 19. Augsburg; Samstag, den 19. Januar 1867.

#Allgemeine Zeitung (6.7.1868)

Georg Merz.

München, 2 Juli. Die »Allg. Ztg.« hat unlängst eine Biographie J. v. Fraunhofers gebracht. Es ist nun wohl von allgemeinem Interesse einen kurzen Lebensabriß von Fraunhofers Schüler und Nachfolger am optischen Institut, Georg Merz, zu kennen, welcher am 12 Jan. 1867 aus diesem Leben geschieden.

Wir finden einen solchen in den »Astronomischen Nachrichten,« aus der Feder seines Sohnes Sigmund Merz, und geben hiemit das wesentliche. Georg Merz wurde, als der Sohn des Meßners und Leinwebers Anton Merz, zu Bichel bei Benedictbeuren geboren am 26 Jan. 1793. In der Klosterschule zu Benedictbeuren erhielt er nothdürftigen Elementar- und Strickunterricht. Dem letzteren konnte er gar keinen Geschmack abgewinnen, während das Rechnen ihm große Freude machte.

Als nun v. Utzschneider 1808 im säcularisirten Kloster Benedictbeuren ein optisches Institut einzurichten begann, und den Exconventualen P. Amand Rauch als Lehrer der Mathematik an demselben beschäftigte, bat Merz um Aufnahme. Sie ward ihm gewährt. Des Tags an der Schleifbank arbeitend, studierte Merz an den Abenden und bis spät in die Nacht Mathematik. Nach wenigen Jahren war er Vorarbeiter der Glasschleiferei, und nahm als Fraunhofers Gehülfe an den Berechnungen der achromatischen Objective theil, wie er auch die optische Montirung sämmtlicher Instrumente vorzubereiten hatte. Als nun 1826 Fraunhofer gestorben und selbst der Fortbestand des optischen Instituts einen Augenblick in Frage war, bot sich Merz voll edlen Selbstvertrauens als Geschäftsleiter an, und v. Utzschneider übertrug ihm sofort die Direction. Sein erstes Werk an der Spitze der Anstalt war die Spaltung des sechszölligen Objektivs für das Königsberger Heliometer. Fast zu gleicher Zeit (1829) konnte der von Fraunhofer begonnene Berliner Refractor aufgestellt werden, und ward ein ausgezeichnetes Mikroskop vollendet, über welches damals der Physiologe Döllinger in einer Monographie berichtete. Von 1830–1835 wurde der große Refractor für München (Bogenhausen) mit einem Objektiv von 10½ Zoll, das damals bedeutendste dioptrische Werkzeug, hergestellt. Aber die Glanzperiode des optischen Instituts sollte erst noch beginnen. Im Jahr 1839 waren die berühmten Pulkowaer Instrumente vollendet, für welche Merz die sämmtlichen größeren Objektive gefertigt hatte. Das größte dieser Instrumente, ein Refractor von 21 Fuß Länge und 14 Zoll Oeffnung, hatte nahebei die dreifache effektive Oeffnung des mit Recht bewunderten großen neunzölligen Refractors von Fraunhofer zu Dorpat. Der Astronom v. Struve ergieng sich in den größten Lobeserhebungen über die Leistungen dieser neuen Gläser, und Kaiser Nicolaus erhöhte nicht nur aus eigenem Wohlwollen den Kaufpreis dieses großen Refraktors um 2000 fl., sondern verlieh auch Merz die goldene Medaille für Kunst. Die Astronomen aller Länder unternahmen eine förmliche Wallfahrt nach Pulkowa, und die vortrefflichen Leistungen von Merz hatten bald die allgemeinste Anerkennung gefunden. Es folgten sofort neue größere Aufträge. Die Sternwarten von Bonn, Kiew, Washington, Cincinnati und New-Cambridge entnahmen ihre Riesenfernröhre dem Münchener Institut. Letztgenannter Refractor, dem Hauptinstrument von Pulkowa gleich an Dimension, bewährte nicht minder seine außerordentliche Kraft. In Bonds Händen war er bald ausersehen mit dem kostbaren Riesenreflector von Roß in Concurrenz zu treten. Nach Vollendung noch mancher mächtigen Instrumente, z.B. der zehnzölligen Refractoren der Sternwarten zu Moskau und Madrid, ward 1854 ein prächtiger Neunzöller nach Rom in die neue Sternwarte des Collegio Romano entsandt. Der Papst verlieh Merz das Ritterkreuz des St. Sylvesterordens, nachdem König Max II schon 1849 dessen hervorragende Leistungen durch Verleihung des Ritterkreuzes I. Classe des St. Michael-Ordens anerkannt hatte.

Merz war so glücklich im J. 1858 frischen Geistes das 50jährige Jubiläum seiner Thätigkeit im optischen Institut feiern zu können. Er ehrte den Tag durch eine Gabe von 4000 fl., womit er in einem Bürgerspital einen Freiplatz zum Besten der Arbeiter seines Instituts gründete. Ein Herzleiden mahnte endlich 1866 den thätigen Mann zur Ruhe, und als er ein Jahr später starb, wußte er die Leitung seines Instituts in den besten Händen, in denen seines Sohnes Sigmund Merz, der bereits, fast 25 Jahre lang mit ihm gearbeitet hatte.

Allgemeine Zeitung Nr. 188. Augsburg; Montag, den 6. Juli 1868.

#Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Merz Georg, 1793 (Bichl bei Bad Tölz/Obb.) – 1867, Hofoptiker und Leiter des Optischen Instituts in Benediktbeuern (seit 1859 in München); Benediktinerzögling in Benediktbeuern, trat Merz 1808 als Lehrling in J. von Utzschneiders Fabrik daselbst ein, wurde bald Amanuensis J. von Fraunhofers und 1826 Geschäftsführer des Unternehmens; 1839 übernahm er die Optische Anstalt selbst (mit Mahler bis 1854); er vollendete das von Fraunhofer begonnene Königsberger Heliometer.

Hauptwerke: Fernrohre für die Sternwarten von Berlin, Bonn, Kiew, Washington, Cambridge, Kapstadt, Oxford, Greenwich, Mexiko, Lissabon, Moskau, Madrid, Rom u. a.; M. erwarb Auszeichnungen aus aller Welt und war auch humanitär und karitativ sehr vorbildlich.

© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.

#Katharina von Merz (vh) / Hafeneder (gb)

* 1828
† 28.3.1898 (München)
Handelsmanns-Tochter aus Tölz / Optikers-Gattin

#Münchner Neueste Nachrichten (29.3.1898)

Lokales.
München, 28. März

Todesfall. Heute Morgen verschied Frau Katharina v. Merz, Gattin des rühmlich bekannten Optikers, infolge eines Schlaganfalls. Vor sechs Wochen war es der Verstorbenen noch vergönnt, das seltene Fest der goldenen Hochzeit zu feiern.

Münchner Neueste Nachrichten No. 145. Dienstag, den 29. März 1898.

#Sigmund Ritter von Merz

* 6.1.1824 (München)
† 11.12.1908 (München)
Optiker

#Deutsche Mechaniker-Zeitung (1909)

Dr. Sigmund Ritter v. Merz.
(Unter Benutzung des Manuskriptes einer Autobiographie.)

In Dr. Sigmund v. Merz, der am 11. Dezember 1908 hochbetagt in München starb, ist der letzte persönliche Mitarbeiter Utzschneiders dahingegangen.

Sigmund Merz war geboren zu München am 6. Januar 1824 als der zweite Sohn des Optikers Georg Merz, welcher nach Fraunhofers Tod von Utzschneider zum Direktor seines optischen Institutes (Utzschneider & Fraunhofer) bestellt worden war. Utzschneider selbst war sein Taufpate. Sigmund Merz besuchte zuerst eine Elementarschule, kam dann in die Lateinschule und darauf in das Kgl. alte Gymnasium. Schon während der Gymnasialzeit beschäftigte er sich sehr mit Mathematik und hatte schon damals einen ersten Teil zu einer mathematischen Beispielsammlung, ähnlich der von Maier-Hirsch, zum Drucke reif. In den Schulferien übte er sich zum Zeitvertreib im Schleifen optischer Gläser.

Nach Absolvierung des Gymnasiums trat Merz auf des Vaters Wunsch an Stelle seines älteren Bruders Ludwig, der sich für physikalische Geographie an der Universität München habilitierte, in das Geschäft. Unter des Vaters spezieller Leitung 3 Jahre praktizierend, hörte er nebenbei Physik und Chemie an der polytechnischen Schule und besuchte die Vorträge Lamonts, der übrigens sein Firmpate war, über Astronomie an der Kgl. Sternwarte zu Bogenhausen.

In den ersten Jahren seiner optischen Tätigkeit widmete Merz sich hauptsächlich dem Bau und der Verbesserung des Mikroskops.

Nach 3 Jahren (1845) vermochte er bereits zum Zweck von Unterhandlungen mit dem Vertreter des Harvard College in Cambridge, Mass., V. S. A., nach London zu gehen. Nach der Rückkehr erstreckte sich seine Tätigkeit auf alle Zweige der Technik des Institutes, insbesondere besorgte er die Kreisteilungen. 1847 trat Merz als Mitinhaber in die Firma, damals Merz, Utzschneider & Fraunhofer, ein.

1851 vertrat Merz die Firma während der I. Weltausstellung in London. Dort lernte ihn Prof. v. Schafhäutl, der Kommissär der Bayer. Regierung in London, kennen; auf dessen Vorschlag wurde er 1852 als Mitglied in die Ministerialkommission für Prüfung der Erfindungsbeschreibungen berufen, welcher er bis zu ihrer Aufhebung angehörte. Merz war ferner 1864 bis 1866 Mitglied der Gewerbe- und Handelskammer von Oberbayern, 1866 bis 1869 Gemeindebevollmächtigter von München; er gehörte ferner dem Handelsgericht München und alsdann, zum Assessor vorgerückt, dem Handelsappellationsgericht bis zu dessen Aufhebung (1879) an.

Sigmund Merz gelangte durch den am 12. Januar 1867 erfolgten Tod seines Vaters in den Alleinbesitz der Firma Merz, Utzschneider & Fraunhofer; von da ab beginnt seine selbständige Tätigkeit als Leiter dieser von Fraunhofer gegründeten Anstalt.

Von bedeutenderen Arbeiten, die unter Sigmund Merz vollendet wurden, sind zu nennen: 1869 ein 9½-zölliger Refraktor für Marseille, durch Leverrier in Paris bestellt, ferner ein 9-Zöller für San Jago in Chile; 1872 ward ein 6½-Zöller, parallaktisch montiert mit Uhrbewegung, für die Privatsternwarte des Hrn. v. Basilewsky in St. Petersburg geliefert, 1873 ein 10-Zöller für die Firma Trougthon in London und ein 5-Zöller für die Privatsternwarte des Hrn. v. Biela in Wien; dieses letztere Instrument, parallaktisch montiert mit Uhrwerk, wurde auf der Weltausstellung Wien 1873 preisgekrönt. Im folgenden Jahre kam je ein 9-Zöller nach Nikolajew (Rußland) und nach Quito (Ecuador). 1876 folgte ein 6½-Zöller für Calcutta, je ein 7-Zöller für die Sternwarte in Düsseldorf und für das Bernoullianum in Basel, 1877 ein 6-Zöller für die Sternwarte von Prof. v. Konkoly in O-Gyalla, ein 12-Zöller für Catania und ein 14-Zöller für Brüssel; 1878 ein 6-Zöller für Tokio, ein 10-Zöller für die Privatsternwarte von Bazley in Fairford (England) und ein 7-Zöller für die Sternwarte des Kardinals Haynold in Kalocsa (Ungarn). Diesen Instrumenten folgte 1879 ein 10-Zöller für Genf, 1880 ein 18-Zöller für die neue Sternwarte in Straßburg und ein 14-Zöller für Bordeaux, 1881 ein zweiter 18-Zöller für Mailand und ein 9-Zöller für Prof. v. Konkoly in O-Gyalla, 1882 ein 11-Zöller für Turin.

Von Instrumenten eigener Erfindung sind zu nennen: ein Helioskop, ein Objektiv-Spektralapparat und ein Protuberanzspektroskop.

Einen großen Teil der Tätigkeit von Merz beanspruchte das neue große Militärfernrohr, ein Instrument von außergewöhnlicher Helle und dadurch mächtig gesteigerter Tragweite. Nicht allein, daß von dem ersten Modell, mit Objektiv von 34 Linien Öffnung, dem Kgl. bayer. Kriegsministerium bereits 1867 schon unterbreitet, für die Feldausrüstung der bayer. Armee mehr als 80 Stück im Verlauf der Zeit geliefert wurden, hatte sich dasselbe auch in der russischen Armee Eingang verschafft. Ein zweites größeres Modell von 43 Linien Öffnung wurde für die preußische Armee in 55 Exemplaren geliefert; eine weitere Serie von Fernrohren noch größerer Helle kam im Laufe des Jahres 1881 als Festungsfernrohr für Preußen zur Ablieferung. Auch das französische Kriegsministerium bestellte je 1 Exemplar dieser Instrumente.

Im Dezember 1883 zog sich v. Merz im Rückblick auf eine mehr als 40-jährige Tätigkeit teilweise vom Geschäfte zurück, sich die Übernahme größerer Objektive sowie den Betrieb der optischen Glashütte zu Benediktbeuern unter der Firma G. & S. Merz vorm. Utzschneider & Fraunhofer, vorbehaltend. Aus dieser Zeit entstammen noch folgende Instrumente: 1883 ein 14-Zöller für Odessa und ein 8-Zöller für Zürich, 1887 ein 10-Zöller für die römische Sternwarte auf dem Janiculum, bestellt durch Padre Ferrari.

Seine freie Zeit widmete Merz optischen Studien und glastechnischen Versuchen zu Benediktbeuern. Im Herbst 1892 gelangte das übrige dritte Objektiv von 18 Zoll an die Sternwarte des Jesuitenkollegs in Manila. Hierauf trat Merz von der praktischen Tätigkeit und der Fühlung mit den einstigen Werkstätten vollends zurück.

(Schluß folgt.)

Dr. Sigmund Ritter v. Merz.
(Unter Benutzung des Manuskriptes einer Autobiographie.)

(Schluß.)

Sigmund v. Merz hat sich auch literarisch eifrig betätigt; es seien folgende Abhandlungen genannt:

1. Über Spiegelfabrikation. (Bayer. Kunst- und Gewerbeblatt 1849.)
2. Das Mikroskop und seine Anwendung in der Technik. (Ebenda 1852.)
3. Über Spektralanalyse. (Ebenda 1861.)
4. Über das Farbenspektrum. (Ebenda 1862.)
5. Leben und Wirken Fraunhofers. Landshut bei Thomann 1865.
6. Distanzmesser ohne Standlinie und ohne Winkelmessung. (Bayer. Kunst- und Gewerbeblatt 1865.)
7. Über Flintglas. (Ebenda 1868 und Dingler Polyt. Journ. 188. S. 483. 1868.)
8. Über Dispersionsverhältnisse optischer Gläser. (Zeitschrift f. Instrkde. 2. S. 176. 1882.)
9. Das Fraunhofer-Objektiv. (Sitzungsber. d. Math-Physik. Klasse der Bayer. Ak. 28. 1898.)

Unter den zahlreichen Ehrungen, von denen das Wirken Sigmunds v. Merz begleitet war (allein 7 Orden wurden ihm verliehen), seien die große goldene Medaille »bene merenti« der Bayer. Akademie der Wissenschaften erwähnt, die ihm verliehen wurde, als er das Fraunhofersche Spektrometer der Akademie geschenkt hatte, der Bayer. Michael-Orden I. Klasse, den Merz 1868 bei Enthüllung des Fraunhofer-Denkmals erhielt, und das Ritterkreuz des Verdienstordens der Bayer. Krone, womit der persönliche Adel verbunden ist. Noch im hohen Alter wurde Merz die Anerkennung zuteil, von der Münchener Universität zum Doctor honoris causa ernannt zu werden, und zwar, wie es in dem Diplom heißt, »propter insignia merita de instrumentis opticis et astronomicis perficiendisu (»wegen hervorragender Verdienste um die Vervollkommnung der optischen und astronomischen Instrumente«); das Übersendungsschreiben erwähnt noch speziell die Verdienste von Merz »um die praktische Optik und ihre Anwendung auf Astronomie und Spektralanalyse«.

Deutsche Mechaniker-Zeitung. Vereinsblatt für Mechanik und Optik. Berlin, 1909.

#Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Merz Sigmund, von, Ritter, 1824 (München) 1908, Optiker; Sohn und Schüler des Georg M., war er Leiter des Optischen Instituts Merz und Hersteller von großen Mikroskopen.

Hauptwerke: Teleskope für Sternwarten in der Schweiz, in Holland, Italien, Österreich und Rußland und alle deutschen Universitäten; die Durchschnitts-Jahresproduktion belief sich dabei auf 200 Instrumente; M. verschaffte der deutschen Optik internationalen Ruf.

© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.

#SK – N – 5* (Hübner)


Die Grabinschrift ist nicht überliefert


  • Hübner, Lorenz, Dr. theol.; 2.8.1751 (Donauwörth) – 9.2.1807 (München); Geistlicher und Schriftsteller

Das Grab ist nicht erhalten


#Dr. theol. Lorenz Hübner

* 2.8.1751 (Donauwörth)
† 9.2.1807 (München)
Geistlicher und Schriftsteller

#Dr. Lorenz Hübner’s Biographische Charakteristik (1855)

Dr. Lorenz Hübner’s, k. geistl. Rathes und dirigirenden Mitgliedes der historischen Klasse der bayer. Akademie der Wissenschaften, Biographische Charakteristik, vorgetragen in der öffentlichen Sitzung der k. Akademie der Wissenschaften zu München am 15. Juni 1822, als Beitrag zur Geschichte der Nationalkultur Bayerns im gegenwärtigen Jahrhundert, von Joseph Wißmayr, k. bayer. Ministerial-Oberstudien- und Oberkirchen-Rath, Ehren-Ritter des k. bayer. Verdienst-Ordens vom heil. Michael, und des Großherzogl. Hessischen Ludwigsordens Ritter I. Klasse, der bayer. Akad. d. W. ordentliches und mehrerer Akademien Deutschlands und Italiens korrespondirendes Mitglied.

(Nachträglich veröffentlicht.)

München, 1855. Verlag der königlichen Akademie.

Vorwort.

Nie lernen die Zeitgenossen den Charakter eines großen Mannes ganz kennen. Sie buchstabiren gleichsam an seinem Namen, indem er noch beschäftigt ist, die Züge desselben durch einzelne Handlungen hinzuzeichnen. Erst der Nachwelt steht das bedeutende Wort vollendet da, und sie spricht es ohne Schwierigkeit aus, falls sie lesen kann, oder will.

»Das größte Geschenk daher«, sagt Herder, »das ein merkwürdiger Mann noch nach seinem Tode der Welt mittheilt, ist, wenn er einen Freund findet, der sein Leben aufzeichnet, harmonisch mit seiner Denkart und mit seinen Thaten. Ihm ist dieses Leben ein Ehren-Gedächtniß, für die Geschichte ist es eine Urkunde, und zu seinen Denkwürdigkeiten, er habe sich nun denkwürdig gedacht oder gehandelt, ein Commentar.«

Wenn aber je ein vaterländischer Gelehrter denkwürdig war, wenn je Einer die Ehre ansprechen konnte, in den Annalen der deutschen Litteratur mit Auszeichnung genannt zu werden, und wenn je Einer im dankbaren Andenken nicht nur seiner Zeitgenossen, sondern auch der Nachwelt fortzuleben würdig war, so ist vor Vielen, vor den Meisten vielleicht – Lorenz Hübner, – Er, der Hochverdiente um die Wissenschaften überhaupt, und um Bayerns Nationalkultur insbesondere, der Hochgeachtete in der gelehrten Welt, wie im gewählten Kreise seiner Freunde, denen er, und unserm wissenschaftlichen Verein zunächst, durch einen, leider! viel zu frühen Tod entrissen wurde.

Lorenz Hübner wurde am 2. August des Jahres 1753 zu Donauwörth, wo sein Vater, als churf. bayerischer Hauptmann, zugleich Stadtkommandant war, geboren. Der talentvolle Knabe scheint im älterlichen Hause eine sorgfältige Pflege und Leitung genossen zu haben; denn seine physischen und psychischen Kräfte entwickelten sich so gleichmäßig schnell, daß er, kaum noch sieben Jahre alt, schon zum Gymnasium reif erkannt, und an die damals sehr besuchte öffentliche Lehranstalt zu Amberg geschickt wurde.

Hier zeichnete er sich vor allen seinen Mitschülern, die ihm doch größtentheils an Alter weit überlegen waren, höchst vortheilhaft aus. Seine Lehrer, die scharfsehenden Väter der Gesellschaft Jesu, in deren Händen zu jener Zeit das ganze Jugend- und Volks-Erziehungs- und Unterrichts-Wesen, eigentlich Land und Leute waren, erkannten in den vorzüglichen Talenten und Fähigkeiten ihres heranreifenden Zöglings gar bald den für ihre Zwecke, d. i. für den Orden, bildbaren Stoff. Sie zögerten daher nicht, das edle Reis, noch ehe es eigene, selbstständige Wurzeln schlug, recht väterlich in ihren Garten zu verpflanzen, es auf den alten, zwar noch kräftigen, aber schon ringsum von feindlichen Stürmen bedrohten Stamm zu pfropfen.

Der unerfahrne, arglose Jüngling, geschmeichelt von klugen, ihm lieb gewordenen Lehrern, beredet, eigentlich überlistet, von seinem älteren, dem Klosterleben höchst abgeneigten Bruder, und gedrängt von einem gefürchteten Vater, konnte so vielen Einwirkungen von außen, was auch sein innerer Sinn dagegen sprach, nicht lange widerstehen. Er trat in den Orden im J. 1760, noch ehe er sein 15. Lebensjahr vollendet hatte.

Allein seine natürliche Munterkeit und Freisinnigkeit vertrugen sich eben so wenig mit dem Zwang der Ordensregeln, wie sein vor- und aufwärts strebender, jugendlich rascher Geist mit dem alternden, hinter Welt und Zeit zurückgebliebenen Ordensgeiste. Zu ungeschmeidig für jesuitische Formen, konnte er sich noch weniger mit jesuitischen Wegen befreunden. Er entledigte sich daher der ihm aufgezwungenen, verhaßten Fesseln mit eigener Kraft bald wieder. Und wenn es auch ungewiß ist, ob er schon während der zwei Prüfungsjahre (des sogenannten Noviziates) wieder aus dem Orden trat, so ist es doch aus späteren Momenten seines Lebens erweislich, und durch seine eigenen, mir und mehreren seiner Freunde oft wiederholten Erzählungen bestätigt, daß er, ohne feierliche Gelübde abgelegt zu haben, noch lange vor der im J. 1773 erfolgten Aufhebung der Gesellschaft, diese gegen seiner Aeltern Wunsch und Willen aus freier, selbstiger Bestimmung verließ.

Hübner war demnach zu kurze Zeit in der Mitte der Loyoliten, um von ihnen und ihrem Orden mehr als die Außenseite kennen zu lernen. Blickte jene Neu- oder Wißbegier auch hie und da in ihr tieferes Leben, so blieb doch das eigentliche innere Getriebe dieser für die Ewigkeit der Weltherrschaft berechneten, nach Plan und Ausführung ungeheuren Maschine ihm, wie jedem Neulinge, strenge verborgen.

Dafür blieben ihm Kopf und Herz unangesteckt von jener listigen Schlauheit, von jener gleißenden Frömmelei, von jenem filzigen, heimtückischen Egoismus, wovon der Eingeweihten keiner, oder nur wenige frei gewesen seyn sollen, – was ihnen auch später im J. 1773 die päpstliche Ungnade zuzog. Ihm aber war und blieb der Hauptzug seines Charakters, als Mensch und als Gelehrter, Redlichkeit, Offenheit, Uneigennützigkeit. Und er übte diese echt-deutschen Männer-Tugenden nicht gegen seine Freunde allein, sondern selbst gegen seine Feinde bis ans Grab.

Das Leben im Orden war übrigens für ihn keineswegs verloren. Er wendete während desselben seinen Fleiß besonders auf das Studium der Philosophie und Physik, und suchte mit dem beharrlichsten Eifer die schon früher erworbenen Kenntnisse in den klassischen Sprachen der Griechen und Römer mit jedem Tag zu vermehren; in den vorzüglichsten des heutigen Europa aber sich fortwährend zu üben. Diesen letzteren widmete er sich auch noch nach seinem Austritte aus dem Orden mit besonderer Vorliebe, als er an der Universität zu Ingolstadt seine akademischen Studien begann. Hier wählte er zwar zuerst als seine künftige Brod-Wissenschaft die Rechtskunde. Allein das Zudringen seiner Aeltern, die Einen ihrer beiden Söhne, nach der Sitte der Zeit, durchaus geweiht wissen wollten, vermochte ihn noch einmal zum geistlichen Stande. Er studierte daher Theologie, Kirchenrecht und orientalische Sprachen, erhielt nach vollendetem Lehrkurse das Doctorat, und noch in demselben Jahre (1774) die Priesterweihe.

Diese genau erhobenen, ganz chronologisch-richtigen Thatsachen sind allein schon hinreichend, die obige Behauptung, Hübner sei freiwillig aus dem Orden getreten, zu begründen, und die ihr entgegenstehende Angabe, als habe er erst bei Aufhebung der Gesellschaft das Ordenskleid abgelegt, entkräftet. Diese letztere Meinung findet sich zuerst in dem zwar schätzbaren, aber noch immer unvollständigen Werke: Das gelehrte Bayern (Von Dr. Clemens Alois Baader, I. Bd., Nürnberg und Sulzbach, 1804.), und aus diesem von Hübners eigenem Bruder nachgeschrieben in der Oberteutschen allg. Literatur-Zeitung vom J. 1807, S. 214 (M. s. die dort enthaltenen, äußerst mangelhaften, biographischen Nachrichten über Lorenz Hübner, unterzeichnet von Ignaz Hübner, der Rechte Licentiat, k. b. Rath und Schulkommissär, dann Vorstand des Kirchen- und Stiftungs-Bureau zu Ingolstadt, d. k. Akad. d. W. Mitglied.). Wie wäre es aber auch nur wahrscheinlich, daß Hübner, wäre er erst im J. 1773 nach Aufhebung des Ordens ausgetreten, innerhalb eines einzigen Jahres zuerst die juridischen, nachher die theologischen Studien beginnen, diese absolviren, dann graduiren, und alle Weihen, mit Einschluß der Priesterweihe – (diese selbst nach dem Zeugnisse des Bruders im J. 1774) – erhalten konnte?

Nach Aufhebung des Jesuitenordens wurde auch den Weltpriestern wieder die ihnen bisher verschlossene Bahn zu öffentlichen Lehrstellen geöffnet. Hübner, voll Drang, zu wirken und zu nützen, voll Vertrauen auf festen Willen und eigene Kraft, stellte sich unter die Bewerber, und schon im J. 1775 ward er zum churfürstlichen Professor am Gymnasium zu Burghausen ernannt, ihm der Unterricht in der französischen und englischen Sprache übertragen, und auch vorläufig die Realklasse zugetheilt. Doch er wußte sein entschiedenes Lehrertalent und seine gründlichen vielseitigen Kenntnisse bald so vortheilhaft geltend zu machen, daß er schon im darauffolgenden Jahre zum Lehrer der rhetorischen (damals obersten Gymnasial-) Klasse befördert, und ihm zugleich, einen abgegangenen Lehrer zu ersetzen, der Lehrstuhl der Moralphilosophie anvertraut wurde.

Freithätig konnte sich jetzt sein heller Geist auf dem freien Boden der Wissenschaft, in dem unbeschränkten Gebiete des Denkens, selbst in den höheren Sphären der Philosophie bewegen. Er lehrte gründlich und doch höchst faßlich; er gab neue Ansichten, ohne das Wesentliche der alten zu vernachlässigen; er huldigte der Wahrheit, und nur der Wahrheit. So steigerte er mit jedem Jahre sein Ansehen als ausgezeichneter Lehrer. Und dieß war in der That keine so leichte Aufgabe zu einer Zeit, wo die den Lieblingen des Volkes abgenommenen Lehrstühle allenthalben von offenen und heimlichen Feinden, von Neidern und Lauerern umstellt und umschlichen waren.

Hübner kümmerte sich anfangs wenig um diese, ihm nicht unbekannten Umgebungen. Allein nach und nach wurden ihre Umtriebe ihm fühlbarer, und bei der Beschränktheit des Ortes und der Kleinstädterei seiner Bewohner auch lästiger. Er folgte daher, ohne sich lange zu bedenken, im Jahre 1779 einem von München aus erhaltenen Rufe und Antrage, mit churfürstlicher Bewilligung die Redaktion der Münchner Staatszeitung von den Vötterischen Erben zu übernehmen. Der damalige geheime Sekretair Ludwig v. Drouin bot sich ihm als Verleger an, zahlte die benöthigte Summe an die Erben, und erhielt, nach Hübners Antrage, das Privilegium auf 25 Jahre.

Seit der Regierung Kaisers Karl VII. bestand hier ununterbrochen eine Staatszeitung. Unter dem Titel: »Münchner Zeitungen von den Kriegs-, Friedens-, Staats- und anderen Begebenheiten in- und außerhalb Landes,« begann sie in der Joh. Jak. Vötterischen Hof- und Landschaftsdruckerei, mit römisch-kaiserl. und kurfürstl. Privilegien. Sie erschien zuerst wöchentlich zwei-, dann drei-, endlich viermal auf einem sehr kleinen und schmutzigen Oktavblatte. P. Fulgenz, der sich vor dem Teschner Frieden durch unkluge Parteinahme den Auswanderungsbefehl auf den Hals zog, hatte ihr später den Titel: Ordinari Münchner Zeitung, geschöpft. Als v. Drouin sie übernahm, bestand ihre Ausgabe nicht ganz in 250 Abdrücken, wonach sie schnell bis an 1400 stieg (M. vergl. Hübner’s Beschreibung der k. b. Haupt- und Residenzstadt München, II. Band S. 416.).

Hübner ging, als neuer Verfasser, ausgerüstet mit allen nöthigen Sach- und Sprachkenntnissen, muthig an’s Werk. Er wußte zwar wohl, daß er sich auch jetzt, indem er die Bahn als Volksschriftsteller (und zwar des Volksschriftstellers im umfassendsten Sinne des Wortes) betrat, nicht auf Rosen bettete. Allein er erkannte auch diese Bahn für eben so reich an Lorbeern, wie an Dornen; denn er hielt es, von der Wichtigkeit und Würde seines neuen Berufes durchdrungen, für ein beneidenswerthes Vorrecht, täglich mit Fürsten und Völkern sprechen zu können; täglich jenen die Wünsche und Bedürfnisse dieser, diesen die Pflichten gegen jene an’s Herz zu legen; täglich vor den Machthabern und Steuermännern der Staaten als das Organ der öffentlichen Meinung aufzutreten; täglich gegen Trug und Wahn, gegen Willkür und Gewalt, geschützt durch den Schild der Wahrheit und des Rechts, sich in die Schranken zu stellen; täglich der Herold des Guten und Edlen, des Nützlichen und Nachahmungswürdigen, zugleich aber auch der öffentliche Ankläger des Schädlichen und Schlechten, der Unsitte und Verkehrtheit, der Arglist, Ungerechtigkeit und Bosheit zu seyn: dieser schöne Beruf schien ihm groß, erhaben, beneidenswerth. Und er ist es in der That.

Daher sollte es aber auch nur den Aufgeklärtesten und Edelsten, den Erfahrensten und mit des Volkes Thun und Wesen Vertrautesten als ehrender Vorzug gegönnt seyn, durch Volksschriften, vorzüglich durch Tagblätter und Zeitungen öffentlich zum Volke zu sprechen. Diese Geburten des Tages würden dann auch nicht, wie so oft, als Tagewerk (im doppelten Sinne) erscheinen, nicht mit der Sonne des Tages spurlos verschwinden.

Hübners neue Staatszeitung verrieth durch ihre ganz veränderte Gestalt und Einrichtung schon in den ersten Blättern den Mann, der seine Aufgabe aus dem höheren Gesichtspunkte erfaßt hatte, und sie mit auszeichnendem Erfolg lösen würde. So war es auch. Kluge Auswahl und verständige Anordnung des geschichtlichen Stoffes, gefällige Mischung des Nützlichen mit dem Angenehmen, geistreiche Noten zu oft geistlosem Texte, noch öfter treffender Witz und sarkastische Laune, – dieß waren, verbunden mit einer populären, leichtfließenden und korrekten Sprache, damals noch sehr seltene Eigenschaften der deutschen Zeitungen; man traf sie kaum vereinzelt in Einzelnen. Um so begieriger griff man überall, selbst im nördlichen Deutschland, nach der neuen Münchner Zeitung, die alle jene Vorzüge in sich vereinigte, und noch jetzt, nach beinahe einem halben Jahrhunderte, so manche ihrer jüngeren politischen Schwestern und Enkelinnen beschämen würde, wenn diese – erröthen könnten und dürften.

Doch Hübner’s Arbeitsamkeit beschränkte sich nicht auf einen einzigen Zweig literarischen Wirkens. Er gab zugleich mit seiner Staatszeitung »Münchner gelehrte Beiträge« heraus, in welchen er, auf wissenschaftlichem Boden fußend, schon fester, als in jener, auftrat, und vorzüglich der eben damals beginnenden fabrikmäßigen Büchermacherei, sowie den feilen, meistens anonymen Polemikern, zu Leibe ging, besonders denen, die im Solde des konfessionellen Fanatismus, der Bigotterie und Intoleranz lärmten, schrieen und schrieben.

Die Münchner gelehrten Anzeigen sind eigentlich als das erste Beginnen der nachhin so bedeutend gewordenen oberdeutschen allgemeinen Literaturzeitung zu betrachten, und es ist bemerkenswerth, daß sie schon bei ihrem Entstehen, und nebenher auch ihr Verfasser, von lichtscheuen Zeloten gar giftig angefeindet wurden. Man möchte fast meinen, diese Ultra’s jener Zeit hätten, in einer antipathischen Vorahnung des Lichtes, das einst aus jenen Blättern hervorgehen würde, nach der bekannten Maxime: Principiis obsta, instinktmäßig so gehandelt.

Neben den, ausschließend von ihm selbst bearbeiteten politischen und literarischen Zeitblättern fand Hübner auch jetzt, wie früher neben seinen Lehrämtern, noch immer Muße genug, nicht nur mit der Literatur, der inländischen sowohl als der ausländischen, Schritt zu halten, sondern noch überdieß in einem Zeiträume weniger Jahre (von 1776 bis 1783) mehrere Abhandlungen über verschiedene wissenschaftliche Gegenstände zu schreiben, namentlich: 1) Ueber Elektrizität und Magnetismus. 2) Ueber den Holzwuchs in Bayern. 3) Ueber den Luxus. 4) Ueber den Brand im Getreide. 5) Ueber den philosophischen Geist des Jahrhunderts. 6) Ueber das Mönchswesen. 7) Ueber deutsche Rechtschreibung, u. m. a.

Außerdem erschienen in dieser Zeit von ihm die Schauspiele: Tankred und Semiramis, beide aus dem Italienischen übersetzt; dann Heinz von Stein, der wilde, und Camma, die Heldin Bojoariens; in Verbindung mit Professor Babo aber: Der dramatische Censor; ferner: Charrons wahre Weisheit, aus dem Französischen, und die dringenden Vorstellungen an Menschlichkeit und Vernunft um Aufhebung des ehelosen Standes der katholischen Geistlichkeit.

Alle diese Schriften (Sie werden in dem, am Schluße dieser Biographie beigefügten Verzeichnisse der sämmtlichen Hübnerischen Schriften, chronologisch geordnet und mit vollständigen Titeln aufgeführt werden.), obschon ihrer Natur nach ungleich an Gehalt und Verdienst, wurden von den Zeitgenossen mit Beifall, mehrere selbst von den Gelehrten mit auszeichnender Anerkennung ihres Werthes aufgenommen. So wurden z. B. die beiden ersten der obenerwähnten Abhandlungen von der bayerischen Akademie d. W. mit Preisen gekrönt (M. s. Westenrieder’s Geschichte der bayerischen Akademie d. W. München 1784. I. Band, S. 463 und 464.); die dritte und vierte den akademischen Schriften der gelehrten ökonomischen Gesellschaft zu Burghausen einverleibt; der dramatische Censor als eine vortreffliche, nur leider! äußerer Verhältnisse wegen zu kurze Zeit fortgesetzte Zeitschrift allgemein anerkannt, so daß deren Inhalt, reich an trefflichen Bemerkungen und goldenen Wahrheiten, auch noch den heutigen Bühnenkünstlern jeder Ordnung und Unterordnung zur reiflichen Beherzigung mit gutem Grunde empfohlen werden kann. Die dringenden Vorstellungen etc. endlich erregten in ganz Deutschland eine so allgemeine Sensation und Theilnahme, der Aufgeklärten wie der Finsterlinge, daß der Verfasser, wäre er nicht lange unbekannt geblieben, von den barmherzigen Hildebrandisten und Curialisten gewiß eben so sehr verfolgt und verketzert worden wäre, als er von allen Freunden der Menschheit, von allen unbefangenen Forschern nach Wahrheit und von allen aufrichtigen Verehrern der reinen Christusreligion um seines eben so gelehrten als ächtchristlichen Werkes willen auch unerkannt geehrt und gepriesen worden ist. Noch jetzt, nach so viel Jahren, innerhalb welcher über den Cölibat der katholischen Geistlichkeit eine Fluth von Schriften, für und wider, erschienen ist, gehört die Hübnerische Abhandlung zu den gründlichsten, gemäßigtsten und den hochwichtigen Gegenstand erschöpfendsten.

Viele der späteren Schriftsteller darüber haben aus dieser reichen, und besonders in der geschichtlichen Entwickelung des Cölibatgebotes klaren Quelle geschöpft, ohne ihrer dankbar zu erwähnen; Mehrere haben sie aus unzeitigem Eifer, oder aus noch schlimmeren Absichten zu trüben gesucht, ohne sie zu widerlegen; Einige haben sie sogar aus allen Kräften mit ihrem unheiligen Geifer zu vergiften sich bemüht, ohne sie zu untersuchen, oder auch nur aus eigener Anschauung zu kennen; Keiner von allen aber hat sie noch bis jetzt zu untergraben, oder mit seinem Unrath zu überschütten vermocht. So fest und dauernd besteht, was wirklich gut und wahr ist, jede Prüfung, trotzend dem Nagen der Zeit und dem Freveln der Menschen.

Uebrigens beweist dieses gediegene Werk, mehr als jedes andere, Hübner’s unbedingte Entschlossenheit, für die von ihm einmal als gut erkannte Sache der Vernunft jeden Kampf zu bestehen, keine Gefahr zu scheuen, keine Folge zu fürchten. Er wagte in der That nicht wenig, indem er seine dringenden Vorstellungen etc. zu einer Zeit in München schrieb, wo eben wieder alle öffentlichen Schulen (bei Gründung der bayerischen Malteserzunge aus den Jesuitenfonds) im J. 1782 den Klöstern ausschließlich eingeräumt worden waren; wo bereits die in Bayerns Kulturgeschichte so verhaßte Frankisch-Lippertische Verfinsterungs-, Inquisitions- und Geistesfolter-Periode sich anzukündigen begann, von der auch unser hochverehrter akademischer Historiograph, v. Westenrieder, sagt: »Es war damals in der That für jeden Zweig der Literatur eine traurige Zeit, und kein Laut von Ermunterung tönte durch die heiligen Hallen« (M. s. dessen Geschichte der bayerischen Akademie d. W. II. Band, S. 356.).

Daß Hübner’s Lage unter solchen Aussichten in die nicht ferne Zukunft und bei den ohnehin schwierigen Verhältnissen seines Amtes doppelt bedenklich wurde, und jeden Reiz, der früher ihn anzog, für ihn verlieren mußte, ist wohl nicht zu mißkennen. Dazu kam noch eine Mißhelligkeit zwischen ihm und dem Verleger seiner Zeitung, die eine Folge der tiefen Unwissenheit des Letzteren war, und auf die gemeinschaftliche Unternehmung ungemein störend wirkte. Hübner dachte daher auf Aenderung dieser unabwendbaren, seine Wirksamkeit mit vereintem Gewicht beschränkenden Verhältnisse. Reich an Mitteln, wie an Kraft, war er in der Wahl jener nicht lange unentschieden.

Er wandte sich im Jahre 1783 an den helldenkenden Fürst-Erzbischof Hieronymus zu Salzburg, mit dem Wunsche, ihm die Herausgabe der dortigen, einer Umgestaltung und Verbesserung sehr bedürfenden Zeitung, nebst deren Selbstverlag zu gewähren. Unter Vermittlung des um die Salzburger Kirchenverfassung hochverdienten Consistorialkanzlers Mich. Bönicke, des Haupturhebers der berühmten Emser Punktation, erhielt Hübner die erbetene doppelte Bewilligung auf eine für ihn sehr schmeichelhafte Weise. Er zog noch in demselben Jahre nach Salzburg.

Hübner, ein Mann voll hoher Begeisterung für alles Gute und Große, voll edlen Selbstgefühls für Recht und Wahrheit, voll glühenden Eifers für seinen Beruf, und ausdauernder, unermüdbarer Arbeitsliebe, – ausgestattet von der Natur mit vortrefflichen Anlagen des Geistes und Herzens, und in deren allseitiger Entwickelung von äußeren Verhältnissen begünstigt, – trat er im kräftigsten Mannesalter muth- und vertrauensvoll unter den Schutz eines so weisen Fürsten, wie Erzbischof Colloredo war, und begann nun mit dem ersten Tage des Jahres 1784 seine Oberdeutsche Staatszeitung, die von jetzt an täglich mit so entschiedenem Beifall erschien, daß sie überall gerne gelesen wurde, ja selbst in Bayern, wo sie unter des damaligen Churfürsten Karl Theodor, vielmehr der berüchtigten Franks und Lipperts lichtfeindlicher Regierung, ihres freimüthigen Tones wegen auf kurze Zeit verboten war, gingen die Münchner täglich Prozessionsweise (wie ein Zeitgenosse sich ausdrückt) in das 1 Stunde entlegene Freisingische Dörfchen Böhring, um da die Salzburger Zeitung zu lesen.

Doch die Redaktion von dieser allein beschäftigte Hübner’s stets regen, an fortwährende Thätigkeit gewöhnten Geist noch nicht genug. Er verfaßte in dem Zeitraume vom Jahre 1779 bis 1797 Schriften verschiedenen Inhaltes, und diesem an Umfang wie an Werth entsprechend, die aber Alle durch ihre Menge sowohl als Mannigfaltigkeit eine Fülle von vielseitiger Kraft, die in dem Geiste des vollendeten Mannes lag, beurkundeten (M. s. das vollständige Verzeichniß am Ende der Biographie.).

Die leichte Form, die Klarheit und die Konsequenz, die alle Gegenstände unter seiner Bearbeitung gewannen, sind Zeugen seines Scharfsinns, seines hellen Blickes und seiner systematischen Denkweise.

Mit dieser Eigenschaft begabt, war es ihm möglich, daß er sich in den heterogensten Fächern versuchte, daß die Literatur der Theologie, der Staatswissenschaft, der deutschen Sprache, der Landwirthschaft, der Dichtkunst, der Numismatik, der Geschichte, der Naturwissenschaft und der populären Philosophie seinen Namen nennt, und daß er in jeder seiner Ausarbeitungen als selbstdenkender, seinen Stoff beherrschender Kopf erschien.

Auch wollte er im J. 1786 unentgeltlich und mit freiem Zutritte für Jedermann monatlich zweimal über den historischen Theil der neuesten Staaten-Ereignisse Vorträge halten, nach dem Beispiele von Wien, Göttingen, Leipzig, u. A. Allein die Benediktiner Universität war durchaus dagegen, als (wie sie meinte) überflüssig und ihren Rechten und Privilegien in keinem Falle zuträglich. Es unterblieb daher, so gut auch seine Absicht war. Dadurch aber kam dem Unermüdlichen die in ihm schon lange keimende Idee zur Reife, seinen damaligen Mitbürgern einen noch weit dankenswertheren Genuß zu bereiten. Er unternahm nämlich, eine dokomentirte Geschichte und Beschreibung der Stadt Salzburg und ihrer Umgebung zu verfassen (Topographie und Statistik, in zwei Bänden 1792 und 93) und später die Geschichte und Beschreibung des Erzstiftes und Reichsfürstenthumes, im J. 1796, in drei Bändchen, mit Benützung aller noch vorhandenen, sorgfältigst gesammelten archivalischen Urkunden und anderen kritisch beurtheilten Schriften und Materialien, zu schreiben.

Diese beiden Werke Hübner’s werden stets zu den geschätztesten ihrer Art gehören, besonders zu einer Zeit, wo bei dem Wechsel der Regierungen die Zersplitterung urkundlicher Dokumente begreiflicher Weise erst recht fühlbar werden, und solche Werke in mancher Beziehung wie Quellenbücher benützt werden können, oft sogar müssen.

Selbst Erzbischof Hieronymus gab dem Verfasser seinen vollsten Beifall dafür zu erkennen, und Stadt und Land bezeigten ihm auf verschiedene Weise ihre lebhafteste Anerkennung und den allgemein gefühlten Dank für sein so mühevolles als erfolgreiches Werk.

Doch seine bei Weitem wichtigste und ihm vorzugsweise am Herzen liegende litterarische Unternehmung war die Unpartheiische allgemeine Oberdeutsche Litteratur-Zeitung, von einer Gesellschaft oberdeutscher Gelehrten herausgegeben, – deren schon am 30. Junius 1787 erschienene Ankündigung mit folgenden Worten beginnt:

»Es ist unmöglich, Aufklärung und allgemein nützliche Kenntnisse zu verbreiten, so lange in Oberdeutschland nicht irgend ein Institut entsteht, und gehörig unterstützt wird, welches die neuesten Erscheinungen der Litteratur allgemein bekannt macht, und in einem wesentlichen Auszuge jedes individuelle Produkt so begreiflich darstellt, daß dadurch eine vollständige Uebersicht des Neuesten in der Litteratur entstehen kann.«

»Die Berliner, Leipziger, Jenaer und andere Sächsische Litteratur-Zeitungen sind theils zu theuer in unseren Gegenden, als daß sie hinlängliche Verbreitung erhalten könnten; theils scheint ein gewisser neuerer Ton, welcher in denselben zu herrschen angefangen hat, ihnen einen Anstrich von Partheilichkeit zu geben, welche ihrer besseren Aufnahme im Wege steht.«

»Seitdem nämlich Nikolai die katholischen Staaten durchflogen, und aus allen Winkeln des Pöbelfanatismus den Kehricht von Albernheiten aufgejagt; seitdem er im südlichen Deutschland einen allmählich näheren Nexus zwischen protestantischen und katholischen Gelehrten, welchen doch die protestantischen Toleranz-Prediger von jeher bezweckt zu haben schienen, wahrzunehmen glaubte – von jener Stunde an ist’s mit litterarischer sowohl als religiöser Toleranz rein aus; viele katholische Gelehrte heißen nun Proselytenmacher, heuchelnde Jesuiten oder Jesuitenknechte; das meiste Uebrige ist Fantast oder Bigot. Dieser Ton ist zum Feldgeschrei in einem großen Theile des nördlichen Deutschlands geworden; die allgemeine deutsche Bibliothek schreit voran; und die Berlinische Monatschrift und viele andere mehr oder minder bedeutende protestantische Journalisten schreien aus vollen Backen nach; und warnen ihre sorglosen, biederen Religionsbrüder, die nichts Arges vermutheten, sich ja vor den Katholiken sorgfältig in Acht zu nehmen.«

»Die ärgsten Verlästerungen selbst der würdigsten katholischen Gelehrten, welche unter ihren Glaubensgenossen mit Muth und Aufopferung für Aufklärung und wider Vorurtheile kämpfen, das Herabwürdigen derselben vor den Augen Deutschlands zu fanatischen Würgengeln, zu heuchelnden Schuften, zu schleichenden Proselytenmachern, und dergleichen, sind nicht nur in vielen Broschüren, sondern auch schon in allgemeinen Litteratur-Zeitungen Mode geworden; allenthalben spuckt’s von Jesuitism, Inquisition und scheinheiligen Intriken. Der katholische Gelehrte, welcher vernünftig schreibt, ist ein verschmitzter Jesuit; wer nach katholischen Grundsätzen schreibt, ein Fantast oder Dummkopf; und wer nicht mitschmäht und mitlästert, ein Jesuitenknecht.«

Damit sprach Hübner die wesentlichsten Gründe der im Verein mit dem Professor Augustin Schelle am 1. Januar 1788 wirklich begonnenen Allgemeinen oberdeutschen Litteratur-Zeitung aus, Gründe, welche ihn zu dem Entschlusse bestimmten, auch im katholischen Deutschlande dieselben wohlthätigen Wirkungen hervorzubringen, welche das protestantische schon früher der Allgemeinen deutschen Bibliothek und ähnlichen Instituten verdankte.

Ungeachtet der gleich Anfangs voraussehbaren Schwierigkeiten und Anfeindungen von mehr als einer Seite ging Hübner, seiner Kräfte bewußt, an die Arbeit, und ungeachtet Schelle schon nach einem halben Jahre aus persönlichen Rücksichten, und durch fremde Einwirkungen bewogen, sich von der Redaktion wieder zurückzog, setzte er mit erhöhtem Eifer fort, was und wie er begonnen, und bemerkte zu seiner Zufriedenheit und Genugthuung, wie mit jedem Jahre die Zahl sowohl seiner Mitarbeiter, als auch seiner Abonnenten in solchem Grade zunahm, daß für das Fortbestehen seines Unternehmens kein Zweifel übrig blieb.

Auf diesem Standpunkte war die Salzb. Allg. L.-Z., als nach dem Tode Carl Theodors im J. 1799 der Churfürst Maximilian zur Regierung nach Bayern kam. Hübner wurde sogleich als Akademiker und als Geistl. Rath zur Fortsetzung seiner oberdeutschen Staats- und Litteratur-Zeitungen nach München zurückberufen. Er entsprach diesem Berufe mit einem Erfolge, wie von ihm nicht anders zu erwarten war, – um so mehr da er von dem hochsinnigen, den Bayern unvergeßlichen Minister Montgelas ermuthigt und bei jeder seiner litterarischen Unternehmungen auf alle Weise unterstützt wurde.

Dieß beweiset vorzüglich die von ihm am 1. Januar 1803 erschienene Topographische Beschreibung der H.- und R.-Stadt München, worauf im J. 1805 der statistische Theil folgte.

Hübner’s richtig beobachtendem Blicke konnte es nicht entgehen, daß Deutschlands Städte die Wiege bürgerlicher Freiheit, die Trägerinnen und Pflegerinnen nationaler Wohlfahrt, heimischer Sitte und Bildung, fortschreitender Wissenschaften, Künste und Gewerbe waren, und daß sie demnach die vorzüglichste Beachtung des Patrioten in Bezug auf die Geschichten ihres Entstehens, Wachsthumes und Gedeihens, und der sorgfältigsten Forschungen unpartheiischer Historiographen eben so sehr verdienten als belohnten. In dieser Ueberzeugung und nach diesen Gesichtspunkten unternahm er schon früher die in Ermangelung ähnlicher Vorbilder sehr schwierige und mühevolle Bearbeitung der Geschichte der Stadt, und später auch des ganzen Fürstenthumes Salzburg, wodurch er sich gleichsam vorbereitete und einübte, um in der Folge auch die in jeder Beziehung umfassendere und belangreichere Beschreibung der (damals) churfürstlichen Haupt- und Residenzstadt München und ihrer Umgebungen, verbunden mit ihrer Geschichte etc. unternehmen zu können. Er benützte dabei die schätzbaren, ihm bereitwillig geöffneten Quellen der städtischen Institute und Archive, und sichtete mit kritischem Kenner-Auge die ihm dargebotenen Urkunden, Chroniken, Urbarien und dergl., so daß dieses Werk das vollkommenste seiner Art ist, was die deutsche Litteratur aufzuweisen hat, und noch jetzt, unbeschadet der Verdienste seiner Vorgänger, insbesondere des unvergeßlichen Westenrieders, das reichhaltigste und gediegendste unter allen früher und später erschienenen Geschichten der Stadt München bis zum Beginne ihrer eigentlichen Glanzepoche ist und wohl auch lange bleiben wird.

So wie seine Münchner Staats-Zeitung durch Reichhaltigkeit, kritische Auswahl, freien Sinn, gemeinnützige Tendenz und reine Sprache beinahe alle ihre Schwestern übertraf, eben so wirkte die Oberdeutsche Litteratur-Zeitung für die Aufklärung und Bildung des katholischen Deutschlands mehr als irgend ein anderes wissenschaftliches Institut, und die nach langem vergeblichen Streben glücklich realisirte Vereinigung der katholischen und protestantischen Gelehrten zur Erreichung desselben Zieles, – allgemeiner Kultur, verdanken wir vorzüglich Ihm.

Was vor ihm weder einzelnen Bestrebungen, noch vereinten Kräften je gelingen wollte, – die nach lange vergeblichem Bemühen so glücklich bewerkstelligte Annäherung und allmähliche Vereinigung der katholischen und der protestantischen Gelehrten zu einem und demselben erhabenen Zwecke, zur Verbreitung wahrer, rein christlicher Humanität und nationaler Kultur im ganzen, gemeinsamen, deutschen Vaterlande, unverkümmert durch religiöse Meinungs-Verschiedenheit und angemaßte Geistes-Ueberlegenheit, – dieses glückliche und gesegnete Beginnen verdanken wir großentheils jener wohlberechneten und klug geleiteten Anstalt, und vorzugsweise ihrem unvergeßlichen Stifter, der mit ganz besonderer Vorliebe bis an seines Lebens Gränze sie pflegte, und um ihrer Erhaltung willen nicht selten die widerstrebendsten Elemente zu einigen und durch freundliche Vermittlung für sie zu gewinnen strebte.

Wer Hübner’s unermüdliche, allen Stürmen der Zeit, allen Störungen der Menschen trotzende Beharrlichkeit in Verfolgung dieses hohen, ihm heiligen Zweckes in der Nähe zu beobachten Gelegenheit hatte, der, und nur der allein ist im Stande, das Hochverdienstliche, das Ruhmwürdige seiner so viele Jahre fortgesetzten Anstrengungen gehörig zu würdigen. Kein treuer, unbefangener Zeuge seines eben so uneigennützigen als muthvollen Kampfes für Licht und Wahrheit, den er ein halbes Menschenalter hindurch gegen Irrthum und Vorurtheil, gegen Intoleranz und Aberglaube, gegen Neid und Schelsucht, gegen Unwissenheit und Bosheit siegreich bestand, wird es in Abrede stellen, daß er, – geistreicher und größer und edler, als alle seine Feinde und Gegner, – diesen überall kühn und offen und gerade entgegentrat, daß er mit dem Muth, mit der Gewandtheit und mit den Waffen des überlegenen Verstandes gegen sie Alle focht, und im Gefühle seiner Kraft, vertrauend auf seine gute Sache, verachtend kleinliche Ränke, und erhaben über zage Furcht, selbst dann nicht vom Kampfplatze wich, wenn er die vergifteten Pfeile der Verleumdung und Verketzerung von sich abzuwehren hatte.

Diese seine Thätigkeit und Beharrlichkeit war um so verdienstlicher, da sie mit großen Schwierigkeiten und Hindernissen begonnen und bis an’s Ende seiner Tage fortgesetzt wurde. Um ihnen allen ohne Ermüdung und ohne Furcht entgegen zu treten, bedurfte es eines Mannes von so seltener Energie, von kühnem Muthe für die Wahrheit, von lebendigem Wohlwollen für die Menschheit und von rastlosem Fleiße wie Hübner war.

Er wollte Freiheit der Meinungen und die Herrschaft der Gesetze, aber nicht Zügellosigkeit im Denken und Handeln, die zuletzt zum Unglauben und Aberglauben führt. Er ehrte den Thron, der, erhaben über Interessen und Leidenschaften Einzelner, die Rechte Aller begründet und schützt. Er ehrte den geistlichen Stand, dem er selbst angehörte, und dessen Ehrwürdigkeit Bedürfniß der Menschen ist, an dessen Stufen die Mächtigsten selbst, wenn Kummer und Leiden sie drückt, und der Sterbende in der versiegenden Quelle des Lebens noch Hoffnung und Beseligung findet. – Religion, aber jene reine unbefleckte, durch Menschenhände unentstellte, unentheiligte Tochter des Himmels, wie Christus sie lehrte, war ihm die ehrwürdigste unantastbare Stütze der menschlichen Gesellschaft, die erhabene Ausgleicherin der Leiden des Dürftigen mit den Freveln des Reichen und Uebermüthigen, und die wohlthätige, nothwendige Ergänzerin unmächtiger Gesetze.

Dagegen verachtete er aus vollem Herzen Heuchelei und Bigotism, Scheinhelligkeit und Frömmelei, unter welcher Form, in welcher Maske er sie auch erkannte.

Gegen diese, den Namen der Religion nur zu oft mißbrauchenden, entehrenden Ausgeburten der Finsterniß und der Intoleranz kämpfte er bei jeder Gelegenheit mit der ganzen Kraft seines Geistes, mit allen ihm zu Gebote stehenden Waffen der Wissenschaft und vorzüglich der Philosophie und Geschichte: gegen sie, aber auch nur gegen sie, schwang er nicht selten (wie alle seine Schriften zeugen) die Geißel des Witzes und der Satyre, die er so kräftig und treffend zu führen wußte, besonders gegen jene finsteren und profanen Eiferer, die ihre unlauteren Absichten in den Mantel der Gottesfurcht hüllend, ihr trübes Spiel im Dunkel der – so ehrwürdigen Institute – Klöster genannt, trieben. Diesen im Laufe der Zeit ausgearteten, unseren Verhältnissen nicht mehr wie früher anpassenden religiösen Vereinen war er nun freilich um so weniger geneigt, je genauer er aus eigener Erfahrung ihre großen und wesentlichen inneren Gebrechen und Mängel kannte. Er wußte zwar wohl, daß selbst Philosophie und Geschichte, Vernunft und Erfahrung ihnen lange – Jahrhunderte hindurch – das Wort sprachen, daß es in den Religionen aller Zeiten und Völker Klöster gab, – und auch bei uns wieder geben wird, wie der fortschreitende Geist der Zeit sie zu fordern berechtigt ist. Denn sein Leben ist in mehr als einer Beziehung für den Beobachter der geistigen Ebbe und Fluth unsers Vaterlandes lehrreich. An den Faden desselben reihen sich besonders drei merkwürdige Epochen der neueren Geschichte unserer Nationalkultur. Er sah die vielversprechende Morgenröthe derselben unter der milden Regierung des guten Max III., und in den ersten Jahren des kunstliebenden Carl Theodor. Er sah die unverhoffte Verfinsterung des geistigen Horizonts bis zur schreckenden Mitternacht unter P. Frank’s und Lippert’s angemaßter Gewaltherrschaft über alle edleren Kräfte der biederen Bayern. Er sah endlich auch die Sonne der Aufklärung ihrem Culminationspunkte entgegeneilen unter dem weisen und großmüthigen Max Joseph, dem allgeliebten bayerischen Lorenzo Medici. Und Er sah dieß Alles nicht bloß. – Er griff, jedes Gute fördernd, selbst thätig, kühn und muthig, öfter sogar leitend, in das kreisende Rad der Zeit, bis er, – obgleich stets mäßig lebend und eine dauerhafte Gesundheit und hohes Alter versprechend, – plötzlich zu kränkeln anfing, und ganz unerwartet, aber noch Besserung hoffend, im redlich verdienten Vollgenuß eines dreißigjährigen Wirkens dem Vaterlande, den Wissenschaften, seinen vielen Verehrern und Freunden, vorzüglich aber auch den Hülfe bedürfenden Armen, denen er sich stets und überall sehr wohlthätig bewies, durch einen zu frühen Tod (er war nicht volle 54 Jahre alt) entrissen und von Allen innigst betrauert wurde.

Hübner liegt im allgemeinen Friedhofe Münchens begraben. Sein Denkstein von rothem Marmor in der dortigen Kirche rechts an der Wand am Hochaltar hat die Inschrift:

Sempiternae Memoriae
D. Laurentii Hübner Presbyteri,Regis Bojorum a consiliis circa sacra,Acad. Scientarium Socii Directoris – Viri,De Republica LitterariaPatriae, Germaniae omnis optume meriti,In eis, quae Praelo prodiere,Per clara Ingenii Specimina radiantis -Voluntas fraterna, grata, memor,Charo funeri Monumentum hocAmoris, Existimationis TesseramPro Munere extremo posuit.
Post annos 54 decessitV. Iduum februarii 1807.

Hübner’s wichtigste und fortwährend denkwürdigste geistige Erzeugnisse sind und bleiben die historisch-statistischen Beschreibungen von Salzburg und München, und die Oberdeutsche allgemeine Litteraturzeitung. Zwar ward diese auch nach ihm noch etliche Jahre fortgesetzt; allein ohne den Geist und die Mittel, ohne die vieljährige Erfahrung und sorgfältige Pflege ihres Schöpfers, Begründers und Erhalters, so daß ihre kümmerliche Existenz schon im Jahre 1811 an Abzehrung endete; Hübner’s Name und Andenken aber bleibt uns und der Nachwelt heilig, wie Kreitmayrs und Westenrieders, – wenn auch ohne Monument.

Möge es Bayern nie an Männern fehlen, wie diese, – voll Kraft und Muth, für Wahrheit und Recht, voll Patriotismus und Biedersinn, voll Erudition und Jovialität, voll gründlicher Gelehrsamkeit und wahrer urchristlicher Religion! Und möge es durch solche Männer stets freier und mächtiger emporblühen unter den ruhmvollen Regierungen seiner allgeliebten
Ludwige und Maxe,
denen wir aus treuen und dankerfüllten Herzen freudig zurufen:
Sie leben Hoch! Für immer Hoch!

Vollständiges Verzeichniß der Druckschriften Hübner’s.

1. Grundlehren der Numismatik, zum Gebrauche seiner Schüler, 1776, gedruckt zu Burghausen. In Commission in der ehemalig Fritzisch. Buchhandlung zu München. 8.
2. Abhandlung vom Luxus, oder der schädlichen Pracht. Burghausen 1776. 4. In den akademischen Schriften daselbst. 4.
3. Der philosophische Geist unsers Jahrhunderts. München bei Fritz. 1780. gr. 8.
4. Ueber die Analogie der Electricität und des Magnetismus. Eine gekrönte Preisschrift, gedruckt im ll. Bd. der philosophischen Abhandlungen der Akademie zu München, 1782. 4.
5. Gedanken über den Brand im Getreide. Burghausen, in den akademischen Schriften, 1782. 4.
6. Ueber P. Jost Vorschlag, die Inquisition in Bayern einzuführen, 1779. 8.
7. An Verführer und Verführte. Ein satyrischer Nachtrag zu den Vorboten des neuen Heidenthums. München, bei Strobl. 1781. Zur Schande der Vernunft nachgedruckt zu Augsburg und Preßburg.
8. Freimüthige Blicke des Philosophen in’s Mönchswesen. 1779. 8.
9. Dringende Vorstellung an Menschlichkeit und Vernunft um Aufhebung etc. 1782. gr. 8.
10. Charrons wahre Weisheit, aus dem Französischen mit einer Vorrede. 2 Bde. gr. 8. bei Strobl.
11. Tankred, ein musikalisches Schauspiel aus dem Italienischen, München 1782. 8.
12. Ein dergleichen, unter dem Titel: Semiramis 1761.
13. Heinz von Stein der wilde, ein vaterl. Schauspiel in 5 Aufzügen, verfaßt 1775, gedruckt 1782. München bei Strobl. 8.
14. Camma, die Heldin, ein vaterl. Schauspiel in 5 Aufzügen 1784. München bei Strobl. 8.
15. Vernünftige deutsche Rechtschreibung nach den Grundsätzen der Sprachenkunde, für Bayern. München bei Jos. A. von Crätz. 1782. 8.
16. Der dramatische Censor, 6 Hefte, in Gesellschaft des Hrn. Prof. Babo. München 1783. bei Strobl. 8.
17. Die von ihm ganz neu eingerichtete Münchner Staatszeitung nebst den Münchner gelehrten Beiträgen von 1779 bis 1784.
18. Die von ihm ebenfalls ganz neu eingerichtete Salzburger oder oberdeutsche Staatszeitung von 1784 angefangen, nebst einem Salzburger Intelligenzblatte, und den monatlichen gelehrten Beiträgen zur Litteratur Oberdeutsch-
19. lands in 4.; anstatt der letzteren seit 1791: Räsonnirendes Magazin des Wichtigsten aus der Zeitgeschichte in gr. 8.
20. Physikalisches Tagbuch für Freunde der Natur. Salzburg in der ehemaligen Waisenhaus-Buchhandlung 1784 bis 1787. 4 Jahrgänge in 7 Bdn. mit vielen Kupfern.
21. Zum traurigen Angedenken der Ueberschwemmung einiger Gegenden Oberdeutschlands im Juni 1786. 8.
22. Salzburger Musenalmanach auf dat Jahr 1787. Salzburg in der Waisenhaus-Buchhandlung. 12.
23. Salzburger Musenalmanach auf das Jahr 1788. Salzburg in der Mayrischen Buchhandlung in 12.
24. Rosen auf das Grab Friedrichs des Einzigen in 12 Körben, oder gesammelte Charakterzüge und Anekdoten aus dem merkwürdigsten Leben dieses großen Königs, 12 Hefte oder 2 Bde. 1787. gr. 8.
25. Rosen auf das Grab Josephs II., oder Lebens- und Regierungs-Geschichte dieses großen Kaisers. 12 Hefte od. 2 Bde. Salzburg 1790.
26. Geschichte verschiedener hierländischer Bäumwollarten und ihres ökonomischen Nutzens. 1788. Salzburg, gr. 8.
27. Die oberdeutsche allgemeine Litteratur-Zeitung, in Verbindung mit vielen Mitarbeitern, seit 1788 im eigenen Verlag.
28. Beschreibung der hochfürstl. Haupt- und Residenzstadt Salzburg, 2 Bde. in gr. 8. Salzburg 1792 und 1793 im eigenen Verlag.
29. Beschreibung und Geschichte der k. Haupt- und Residenzstadt München und ihrer Umgebungen, in zwei Bänden. Erste Abtheilung: Topographie 1803. Zweite Abtheilung: Statistik, 1805. München im Selbstverlag.
30. Mehrere Gelegenheitsschriften nebst vielen anonymischen Schriften, Aufsätzen in Journale, Uebersetzungen aus dem Französischen, Englischen und Italienischen.

Joseph Wißmayr: Dr. Lorenz Hübner’s Biographische Charakteristik. Vorgetragen in der öffentlichen Sitzung der k. Akademie der Wissenschaften zu München am 15. Juni 1822; nachträglich veröffentlicht München, 1855.

#Lexikon der katholischen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller im 19. Jahrhundert (1872)

Lorenz Hübner

wurde geboren am 2. Aug. 1853 zu Donauwörth in Bayern, Bruder von Ign. H., 1800 Professor am Gymnasium und geistlicher Rath zu München, später privatisierender Weltpriester zu Salzburg. Redakteur verschiedener Zeitungen, starb am 9. Febr. 1807. – Meusel 3, 448. 9, 633. 11, 384. 14, 201 (das Verzeichniß der Werke füllt 3 S.) Södeke 2, 1077.

Semiramis, musikal. Schsp. Mn. 1781. – Tancred, musikal. Schsp. aus d. Ital. Mn. 1782. – Hainz von Stein, der Wilde. Schsp. Mn. 1782. – Camma, die Heldin Bojariens. Vaterl. Schsp. Mn. 1784. – Salzburg. Musenalmanach. 1787–88. – Untersuchung verschied. Wassersorten. Burghausen 1775. – L. Hübners Abschied vom Mönchsberge in Salzburg am Schlusse d. J. 1799. – Beschreib. d. Stadt München. Mn. 183 – 5. 2 Abthl.

Josef Kehrein: Lexikon der katholischen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller im 19. Jahrhundert. Würzburg, 1872.

#Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Hübner Lorenz, Dr. theol., 1753 (Donauwörth/Schw.) – 1807, katholischer Geistlicher und Publizist; ursprünglich Jesuit, studierte er in Ingolstadt, lehrte zuerst in Burghausen und übernahm 1779 die Schriftleitung der »Münchener Staatszeitung«, daneben gab er die »Münchener Gelehrtenbeiträge« heraus, leitete seit 1784 in Salzburg die »Oberteutsche Staatszeitung« und seit 1791 das »Räsonnierende Magazin des Wichtigsten aus der Zeitgeschichte«; 1799 ließ sich H. als Publizist in München nieder, er war auch als Topograph und Dramatiker bedeutend.

Hauptwerke: Semiramis (Schauspiel), Hainz von Stein (Drama), Beschreibung der kurbaierischen Haupt- und Residenzstadt München und ihrer Umgebungen usw. 2 Bde., Beschreibung der Haupt- und Residenzstadt Salzburg, 2 Bde., Beschreibung des Erzstiftes und Reichsfürstentums Salzburg, 3 Bde.; »Der geistliche Rat H. eiferte gegen den Obskurantismus, gegen das Mönchtum, gegen Aberglauben, gegen Kapellenbau, gegen die Schaustellungen in der Karwoche, gegen die kostspieligen Totensuppen« auf dem Lande, gegen die neueste Judenverfolgung zur Schande der Menschheit’, kurz, machte Propaganda für die aufgeklärte Staatsverwaltung Montgelas’« (Doeberl).

© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.

#SK – S (Grainer)


Zum
Andenken
Ihres unvergesslichen Gattens
des Anton Grainer Churfrll.
Hof- und Hofkamer-Hof- und
Wechslgerichts Raths
von
der im tiefsten Schmerz zurückgelassenen Wittwe
Er starb den 11. August 1801 im 60. J. s. L.


  • Grainer, Anton; – 11.8.1801; Wechselgerichtsrat

Grab der Familie Grainer auf dem Alten Südfriedhof München (August 2011)

#SK – S (Lespilliez)


Der Tugend und Treue
seiner geliebtesten Gattin
Mar. Cath. geb. von Ansillon
Gewidmet von ihrem Gatten
Carl von Lespilliez
wirkl. Hofkammerath, Hof-
bau Director und Lehrer der
schönen Künste zu Düsseldorf
Sie starb den 25. Jan. Ao. 1789
im 58 Jahre ihres Alters.
Ihr Gatte folgte den 10. Hor-
nung 1796 im 73ten Jahre sei-
nes Alters


  • Lespilliez, Karl Albrecht von; 1723 (Nymphenburg/München) – 10.2.1796 (München); Hofbaudirektor und Hofkammerrat
  • Lespilliez, Marie Katharina (vh) / Ancillon, von (gb); – 25.1.1789 (München), 57 Jahre alt; Architektens-Gattin

Grab der Familie Lespilliez auf dem Alten Südfriedhof München (August 2011)

Grab der Familie Lespilliez auf dem Alten Südfriedhof München (Februar 2008)

#Karl Albrecht von Lespilliez

* 1723 (Nymphenburg/München)
† 10.2.1796 (München)
Hofbaudirektor und Hofkammerrat

#Münchner Wochen- oder Anzeigsblat (24.2.1796)

Gestorben und begraben:
Den 14ten Febr. Der P. T. wohlgebohrne Herr Karl Albert von Lespilliez, kurfürstl. wirkl. Hofkammerrath und Hof-Oberbaudirektor, auch der kurfürstl. Akademie der schönen Künste zu Düsseldorf der Baukunst Lehrer, auf dem Rindermarkt, 74 J. a.

Kurfürstl. gnädigst privilegiertes Münchner Wochen- oder Anzeigsblat. Mittwoch, den 24. Februar 1796.

#Neues allgemeines Künstler-Lexicon (1839)

Lespilliez, Carl Albert von, Architekt von München, erlernte die Anfangsgründe der Architektur von Cuvilliers, und dann liess ihn der Churfürst von Bayern zu seiner Ausbildung Frankreich und Italien bereisen. Im Jahre 1748 wurde er Hofbauamts-Accessist, 1763 zweiter Oberbaumeister und Hofkammer-Rath, nach fünf Jahren erhielt er die Stelle eines ersten Oberbaumeisters, und 1781 wurde er endlich Oberbaudirektor. Lipowsky lässt ihn schon 1705 sterben, doch starb Lespilliez erst 1796.

Lespilliez baute noch ganz im schlechten Geschmacke seiner Zeit, und sieben barocke architektonische Musterblätter gab er auch im Kupferstiche heraus. Von ihm ist der Plan zum Liebertischen Haus zu Augsburg, ob er aber den Plan zu der schönen unvollendeten Stiege des Schlosses Schleissheim gefertigt habe, wie Lipowsky behauptet, wollen wir dahingestellt seyn lassen. Sie ist vermuthlich von Heinrich Zuccali entworfen, der 1705 noch lebte.

Dr. Georg Kaspar Nagler: Neues allgemeines Künstler-Lexicon oder Nachrichten von dem Leben und Werken der Maler, Bildhauer, Baumeister, Kupferstecher, Formschneider, Lithographen, Zeichner, Medailleure, Elfenbeinarbeiter etc. Bearbeitet von Dr. G. K. Nagler. München, 1839.

#SK – S (Nys · Schmid)


Hier ruht
Walburga Reichgräfin von
Nys, gebohrne Reichgräfin von
Lauthberg
Sie war eine treue tugendhafte
Gattin eine zärtliche Mutter eine gute
Christin
Bestand mit Entschlossenheit den Kampf
des Todes und gieng ruhig ihrer gu-
ten Taten bewust in ein besseres
Leben über.
Gebohren den 2ten Junius 1767.
gestorben den 21ten December 1801.
An ihrer Seite liegt auch hier
Ihr hoffnungsvoll herangereifter Sohn
Leopold Graf von Nys
am 6ten September 179¿ gebohren
am 20ten August 1800 gestorben.
Und dessen Lehrer
Niklas Schmid ein über allen Ausdruck
vortrefflicher Mann von allen ¿
gleich ¿ und ¿ starb er
den 15ten Febr. 1801 im 45ten Lebens Jahre


  • Nys, Leopold Graf von; 6.9.1797 – 20.8.1800
  • Nys, Walburga Reichsgräfin von (vh) / Lauthberg, Reichsgräfin von (gb); 2.6.1767 – 21.12.1801
  • Schmid, Niklas; – 15.2.1801, 44 Jahre alt; Lehrer

Grab der Familien Nys · Schmid auf dem Alten Südfriedhof München (August 2011)

#SK – S (Weveld)


DER
AMALIA FREYFRAU v. WEVELD
GEBOHRNEN STATZNER
GEB. DEN 10 FEBRUAR 1787
GEST. DEN ¿ FEBRUAR 1821

Sockel
¿


  • Weveld, Amalia Freifrau von (vh) / Stazner (gb); 10.2.1787 – 6.2.1821

Grab der Familie Weveld auf dem Alten Südfriedhof München (August 2012)

#SK – W – 1 (Boos)


Selbstbildnis von Roman Anton Boos mit der Inschrift
VIVITUR INGENIO
(Man lebt durch den Geist)

Linke Spalte
HIER
RUHT SICHS
WOHL,
FRIEDFERTIG
LEGT
DER STOLZE
SICH
ZUM
GEKRAENKTEN
BETTLER HIN,
UND
SCHLAEFT.
DEM
LASTER NUR,
NICHT
DER
GEPRUEFTEN
JUGEND
FOLGE HIER
DES TODES FURCHT.

Rechte Spalte
DER
KOERPER RUHT
DES
FROMMEN
REIN’RE
SEELE
SCHWINGT
SICH
VERKLAERT
ZUM
GROSSEN
SCHOEPFER AUF.
SO
STERBLICHER
DENK
BEIM
VORÜBERGEHEN
SELBST
DEINEM
TODE NACH.

Sockel
FAMILIE BEGRAEBNIS
DES ROMAN ANTON BOOS
CHURFÜRSTLICHEN HOF STATUARS
UND
PROFESSORS DER BILDENDEN KÜNSTE
ER STARB IN EINEM ALTER
VON 79 JAHREN 353 TAGEN ANNO 1810.
UND DESSEN EHEGATTIN MARIA THERESIA
GEBOHRNE STRAUBINN
IHRES ALTERS 64 JAHRE 311 TAGE AO 1816.


  • Boos, Maria Theresia (vw) / Straub (gb); – 1816; Bildhauers-Witwe
  • Boos, Roman Anton; 28.2.1733 (Roßhaupten b. Füssen/Schw.) – 19.2.1810 (München); Bildhauer

Roman Anton Boos, ca. 1780. Porträtsammlung des Münchner Stadtmuseums.

Grab der Familie Boos auf dem Alten Südfriedhof München (März 2008)

Grab der Familie Boos auf dem Alten Südfriedhof München (März 2008)

Grab der Familie Boos auf dem Alten Südfriedhof München (Dezember 2009)

Grab der Familie Boos auf dem Alten Südfriedhof München (August 2011)

#Roman Anton Boos

* 28.2.1733 (Roßhaupten b. Füssen/Schw.)
† 19.2.1810 (München)
Bildhauer

#Neues allgemeines Künstler-Lexicon (1835)

Boos, Roman Anton, Bildhauer, geb. zu Roshaupten bei Füssen 1730, gest. zu München 1810. Er lernte bei A. Sturm zu Füssen, ging dann auf Reisen, und arbeitete einige Zeit bei J. B. Straub in München und bei Verhelst in Augsburg. Später ging er nach Wien, um an der k. k. Akademie der Künste seine künstlerische Bildung zu vollenden, und er erreichte auch durch das Studium von guten Mustern keine unbedeutende Höhe seiner Kunst. Nach seiner Rückkehr ins Vaterland wurde er churfürstlicher Hofstatuar und Professor an der Akademie der Künste zu München, und theilte nun zwischen dem Unterrichte und der praktischen Ausübung der Kunst seine Zeit.

Boos hinterliess mehrere Werke, in Statuen und Epitaphien bestehend, die zwar nicht im reinsten Geschmacke gearbeitet sind, aber dennoch Verdienste haben. Unter die vorzüglichsten gehören die vier colossalen Marmor-Statuen an der Facade der St. Cajetans-Hofkirche zu München, und die acht Statuen aus Holz, welche ehedem die Arcaden des k. Hofgartens zierten. Sie sind 9 Fuss hoch und nach den Zeichnungen des Peter Candito verfertiget, die grössere Zahl aber musste glänzenderen Unternehmungen weichen, indem der kunstsinnige König Ludwig die erwähnten Arcaden in eine Gallerie trefflicher Frescomalereien umschuf. In der ehemaligen Klosterkirche zu Fürstenfeldbruck sind von ihm die 13 Fuss hohen Holzstatuen Ludwig des Bayers und Herzogs Ludwig des strengen, und sein Werk ist auch die Kanzel in der Metropolitankirche zu München, und etliche Epitaphien daselbst.

Dr. Georg Kaspar Nagler: Neues allgemeines Künstler-Lexicon oder Nachrichten von dem Leben und Werken der Maler, Bildhauer, Baumeister, Kupferstecher, Formschneider, Lithographen, Zeichner, Medailleure, Elfenbeinarbeiter etc. Bearbeitet von Dr. G. K. Nagler. München, 1835.

#Allgemeine Deutsche Biographie (1876)

Boos: Roman Anton B., Bildhauer, geb. zu Roßhaupten bei Füßen 1730, † zu München 1810, lernte erst bei dem Bildhauer Anton Sturm in Füßen und dann bei dem kurfürstlichen Hofbildhauer zu München Johann Straub. Auch der Unterricht Verhelft’s an der Augsburger Akademie wurde besucht, und schließlich erhielt B. auf der Wiener Akademie seine volle Ausbildung. Er wählte dann München als Aufenthaltsort und fand hier von Seiten des Hofes und für Kirchen und Klöster Beschäftigung, auch verlieh man ihm den Titel eines Hofbildhauers und ernannte ihn zum Professor an der Akademie. Er verfertigte die vier kolossalen Marmorstatuen der Heiligen Cajetan, Maximilian, Ferdinand und Adelheid an der Facade der Theatinerkirche zu München, die Holzbilder des Herzogs Ludwig des Strengen und des Kaisers Ludwig IV. in der Klosterkirche zu Fürstenfeld bei Bruck, die sieben Götterstatuen aus weißem Marmor im Schloßgarten zu Nymphenburg, die reichgeschmückte Holzkanzel in der Frauenkirche zu München u. a. Am bekanntesten sind seine »Thaten des Hercules«, die sieben Nischen der Arcaden des Münchener Hofgartens füllen; sie sind übrigens nicht nach seinen eigenen Vorlagen, sondern nach denen des berühmten Peter Candit ausgeführt. Roman war übrigens ein manierirter Meister, der noch in den Banden der ausgehenden Bernini’schen Kunstweise stand.

W. Schmidt.

W. Schmidt: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1876.

#Allgemeines Künstler-Lexicon (1895)

Boos, Roman Anton, Bildhauer, geb. 1735 in Rosshaupten bei Füssen, † 1810 in München als Holzbildhauer und Professor an der Akademie. Von ihm die dem Geschmack der damaligen Zeit entsprechenden 4 Kirchenväter an der Facade der Theatinerkirche in München, die Herculesgruppe im Hofgarten daselbst und die Statuen Ludwig’s des Strengen und Ludwig’s des Bayern in der Klosterkirche zu Fürstenfeldbruck.

Allgemeines Künstler-Lexicon. Leben und Werke der berühmtesten bildenden Künstler. Frankfurt a. M., 1895.

#Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Boos Roman Anton, 1730 (Roßhaupten b. Füssen/Schw.) – 1810, Bildhauer, Hofstatuar und Akademieprofessor; B. lernte erst beim Bildhauer A. Sturm in Füssen, dann bei seinem späteren Schwiegervater J. B. Straub in München, besuchte dann die Augsburger Kunstakademie (bei Verhelst) und schloß seine Studien auf der Akademie in Wien ab; in München niedergelassen, erhielt er für den kurfürstlichen Hof und für Kirchen und Klöster viele Aufträge; daneben war er auch Akademieprofessor; sein bedeutendster Schüler war K. Eberhard.

Hauptwerke: Marmorstatuen der Fassade der Münchner Theatinerkirche (hl. Kajetan, hl. Maximilian, Kurfürst Ferdinand Maria und Kurfürstin Adelheid, Holzfiguren (Herzog Ludwig der Strenge und Kaiser Ludwig der Bayer) in Klosterkirche Fürstenfeld, 7 Götterstatuen im Schloßpark von Nymphenburg, ehemalige Kanzel der Münchner Frauenkirche, Holzfiguren (Taten des Herkules, nach Zeichnungen von P. von Candid), ehemals in den Hofgartenarkaden; B. stand noch unter dem Einfluß Berninis, er wirkte im besseren Barockstil und im Übergang zum Klassizismus.

© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.

#SK – W – 2 (Straub)


Büste von Johann Baptist Straub
Allegorie des Glaubens
Sockel-Inschrift
Perennat.

Hier Ruhen, wie sie gelebet im Frieden
die Wohl Edle Frau Maria Elisabeth
Theresia Straubin Churfrtl. Hofbildhauerin
gestorben den 28. Dec. im Jahr 1774, ihres Alters 57. Jahr.
Und der Wohledle und Kunstberühmte Herr
Johann Baptist Straub, Churfrt. Hofbildhauer. Ge-
storben den 13. July 1784. seines Alters 89 Jahr u 19 T.
Gott gebe ihnen die ewige Ruhe.


  • Straub, Johann Baptist; 1.6.1704 (Wiesensteig/Wttbg.) – 15.7.1784 (München); Bildhauer
  • Straub, Maria Elisabeth Theresia (vh) / Schluttenhofer (gb); – 28.12.1774 (München); Hofgerichtsadvokatens-Tochter / Bildhauers-Gattin

Grab der Familie Straub auf dem Alten Südfriedhof München (August 2007)

Grab der Familie Straub auf dem Alten Südfriedhof München (August 2007)

Büste der »Religion« von Franz Xaver Messerschmidt. Grab der Familie Straub auf dem Alten Südfriedhof München (August 2007)

Büste der »Religion« von Franz Xaver Messerschmidt. Grab der Familie Straub auf dem Alten Südfriedhof München (August 2007)

Büste der »Religion« von Franz Xaver Messerschmidt. Grab der Familie Straub auf dem Alten Südfriedhof München (August 2007)

#Johann Baptist Straub

* 1.6.1704 (Wiesensteig/Wttbg.)
† 15.7.1784 (München)
Bildhauer

#Augsburgisches monatliches Kunstblatt (31.7.1772)

Kurzgefaßte Nachricht von dem churbaierischen ersten Hofbildhauer Herrn Johannes Straub.

Der Geburtsort unsers Herrn Straubens ist das im Schwäbischen Kreise und dem durchlauchtigsten Churhause Baiern zugehörige Städtchen Wiesensteig. Sein Vater Johann Georg, war Bildhauer daselbst, der aus zweyerley Ehen viele Kinder, und unter diesen fünf Söhne erzeugte, die er alle der Bildhauerkunst widmete, und ihnen hierin einen so getreuen Unterricht gab, daß sie in verschiedenen Orten ihren standsmäßigen und guten Unterhalt fanden. Philipp kam nach Gratz in Steuermark; Joseph nach Marburg, eben daselbst; Johann Georg nach Rakersburg, auch daselbst; und Franz, nach Agram in Kroatien.

Unser Künstler ist den 25. Junius 1704. gebohren. Die Anfangsgründe seiner Kunst lernte er bey seinem redlichen Vater, der ihn nach glücklich überstandener Lehre nach München zu seinem Freunde, dem churfürstlichen Hofbildhauer, Gabriel Luidel, von Mähring in Baiern unweit Augsburg gebürtig, mit der väterlichen Ermahnung abschickte, daß er zu noch besserer Erlernung der Kunst den erforderlichen Fleiß anwenden, und sich wohl aufführen solle. Unser Künstler gehorchte seinem Vater, und blieb in dieser Condition vier Jahre lang. Es wurde aber damals der Schluß gefaßt, in der churfürstlichen Residenz die schönen Zimmer machen zu lassen, und dem noch ziemlich jungen Straube die Arbeit, die aus Verzierungen und kleinen Geniis bestand, vor allen andern, die sich darum bewarben, anvertrauet. Herr Straub verließ desfalls seinen Meister, und unternahm aus eignen Kräften die ihm angewiesene Arbeit, die er in Zeit von zwey Jahren zu Stande brachte. Hierauf nahm er von München seinen Abschied, und richtete sein Augenmerk nach Wien; von welcher Hauptstadt ihm nicht unbekannt war, daß daselbst die Künste, sonderlich die Bildhauerey, in großem Flore stehe, und er vor andern Orten eine Condition allda finden würde. Er erhielt in Wien anfangs bey Herrn Ignaz Gunst, nachmals aber bey dem Prinzeugenschen Hofbildhauer Christoph Mader Arbeit; bey welchen Meister er drey Jahre lang aushielt, und ihm verschiedene schöne und kostbare Arbeiten machen half. Um eben diese Zeit wurde daselbst von dem damaligen Prälaten des Klosters, de Monteferrato genannt, mit dem neuen Kirchen- und Klosterbau der Anfang gemacht, und Herr Straub im 26. Jahr seines Alters zu der dazu erforderlichen Bildhauerarbeit bestimmet. Er machte auf den Hochaltar eine Madonna in der Grüße derjenigen, welche in Spanien zu Monte serrato verehret wird; ferner die Oratorien; die sehr schöne Kanzel, und andere erhabene Arbeiten und Verzierungen, die in dieser Kirche noch heut zu Tage zu sehen sind. Erwähnter Herr Prälat verfertigte zwo kunstreiche mathematische Maschinen, die er nachhero Sr. Majestät Kaiser Karl den VI. in allerhöchstdero Cabines verehrte. Unser Künstler genoß dir unerwartete Ehre, die vielen Figuren und Verzierungen dazu zu machen. Durch diese und obige Arbeiten verschafte er sich Ansehen, und die ihm sehr nüzliche Bekanntschaft mit dem kaiserlichen Hofbaumeister Freyherrn von Fischer, und mit dem berühmten Architekten Bibiena, aus welchem Unterricht in Kunstsachen er großen Nutzen schöpfte, den er durch fleißige Besuchung der übrigen geschickten Leute, und der Kunstakademie daselbst, noch mehr zu erweitern suchte. Seine hierdurch erlangte Geschicklichkeit ward nicht nur in Wien, sondern auch in München bekannt, und da eben damals der weltberühmte Hofbildhauer Andreas Faistenberger, von Kizbühel aus Tyrol gebürtig, eine ansehnliche Arbeit zu machen hatte, so säumte er nicht unsern Straub zum Gehülfen abzurufen. Straub gieng daher unverweilt nach Baiern zurück. Er verfertigte die ihm angewiesene Arbeit und blieb bey diesem seinem Meister ein Jahr lang in Condition. Da aber damals der Gedanke in ihm aufstieg, sich selbst als Meister in München niederzulassen, so erhielt er zur Ausführung seiner Absicht die erwünschteste Gelegenheit, da ihm 1736 die Verfertigung einer sieben Schuh hohen Venus, samt dreyen Genien zu dem Springbrunnen in das itzige Grafkönigsfeldische Haus übertragen wurde. Mit dieser Arbeit erwarb er sich so großen Beyfall, daß Ihro damals regierende Churfürstliche Durchlaucht in Baiern, Karl Albert, churmildesten Andenkens, bewogen wurden, den Herrn Straub als Hofbildhauer huldreichst zu ernennen. Im folgenden Jahre gelang es ihm sein Vorhaben zur Würklichkeit zu bringen, und mit der Jungfer Theresa Elisabetha, einer Tochter des churbaierischen Hofkupferstechers Franz Xaveri Späthens (* Er ist ein gebohrner Münchner, wo sein Vater Münzschlösser war.) in den Ehestand zu tretten, mit der er vergnügt lebte, und mit ihr binnen elf Jahren fünf Kinder, die alle ihrer Mutter in noch jungen Jahren in das Grab nachgefolgt sind, erzeugte. Im Jahre 1749. schritt er zur zwoten Ehe, und nahm sich die Tochter des berühmten churfürstlichen Hofgerichtsadvocatens und Auditors Herrn Johann Schluttenhofers, Elisabetha Theresia zur Gehülfinn. Seine zwote Ehe wurde mit zehen Kindern gesegnet; wovon drey artige Mädchens Theresia, Josepha, und Anna noch im Leben, und durch ihre guten Eigenschaften einer glücklichen Versorgung sehr würdig gemacht haben.

Es wird nun unsern Lesern nicht unangenehm seyn, eine kurzgefaßte Anzeige der noch übrigen ansehnlichen Werke, die sein Fleiß in München seit 36 Jahren hervorgebracht hat, hier aufzusammeln: Straub machte für den churbaierischen Hof:

  1. das Grabmal Kaiser Karl des Vll. nach Altöttingen – die Traurigkeit hält das Porträt des höchstseligen Kaisers, und die dabey angebrachte Urne ist mit dem Reichsadler und Trophäen gezieret. Dieses Werk ist von gegossener Arbeit und vergoldet.
  2. Die Statuen zu den Trauergerüsten des eben erwähnten Kaisers und seiner durchlauchtigsten, Gemahlinn, Maria Amalia.
  3. Alle Figuren und Hauptverzierungen in dem neu erbauten Opernhause.
  4. Alle Paradeschlitten und Paradewägen.
  5. Zwey Bassins, in denen zwey Tritonen eine große Muschel von Marmor tragen. In der Muschel selbst sitzet in beeden Stücken ein mit Rohren und Genien umgebener Schwan, der Wasser auswirft. Die Figuren sind von Bley, und vergoldet, die übrige Zubehör aber von Marmor.
  6. In die Kirche, zum alten Hof genannt, eine Auferst. Christi, und zum Tabernakel Genien, und andere Verzierungen.
  7. Erst in dem jüngst verflossenen Augustmonate dieses Jahrs sind von ihm zwo Statuen Pluto, und Proserpina, jede sieben einen halben Fuß hoch, im Hofgarten zu Nymphenburg aufgestellt worden. Pluto hält in der rechten Hand nebst dem Scepter den Zacken, und in der linken den Höllenhund Zerberus. Proserpina hält gleichfalls in der rechten Hand ihren Scepter, und mit der linken macht sie eine angenehme Action auf die Brust. Neben ihr stehet die Eule Ascalaphus. Daß sich unser Herr Straub durch diese zwo schöne Statuen Ihro churfürstlichen Durchlaucht höchste Zufriedenheit, und sowohl des ganzen Hofes, als auch aller Kunstverständigen vorzügliches Lob und Beyfall erworben habe, ist aus der ordinären Münchner Zeitung vom 25 des Herbstmonats Num. 146 genugsam bekannt. Wir sehen es daher für überflüßig an, diese trefliche Arbeit hier noch weitläufiger zu beschreiben. Wir schreiten vielmehr zu der Anzeige seiner übrigen Werke; als nämlich:
  8. Für Sr. hochfürstlichen Durchlaucht Herzog Clemens aus Baiern mildesten Andenkens in dero Hofgarten beym Neuhauserthore zu München, den Kriegsgott Mars, 3 Fuß hoch.
  9. Für die verwittibte Frau Fürstinn von Portia, eine Diana, und neben derselben einen Genium mit einem Waldhorn.
  10. Für die Haupt- und Residenzstadt München den Heil. Johann von Nepomuk mit dem Fluß Moldau gruppirt.
  11. Den Jupiter mit den vier Elementen in Genien vorgestellt.
  12. Diana mit einem Jagdhunde.
  13. Einen Apoll mit einer Harfen und Genio. Diese Statuen sind sieben Fuß hoch, und auf die Rohrbrunnen in der Stadt gesetzt worden.
  14. Für den churbaierischen Obristhofmeister Grafen von Preysing, den Altar in dero Hauskapelle, ein Crucifix, eine Madonna, und zwey kniende Engel.
  15. Ferner, in die Kirche auf dero Güter, zwey Auf. Christi, zwey Statuen und zwey Engel.
  16. Das Grabmahl für des churbaierischen Generalfeldmarschals, Grafen von Törring Frau Gemahlinn, nach Kloster Au. Es stehet dabei die Traurigkeit in Lebengröße, und das Grabmal selbst ist mit den Gräflichen Wappen und anderen Schnitzarbeiten ausgezieret.
  17. Das Grabmal für dero erstgebohrenen Sohnes, Herrn Hofkammerpräsidenten Maximilian Emanuel Grafens von Törring Frau Gemahlinn erster Ehe. Die dabey stehende eheliche Treu, samt den übrigen Verzierung sind aus Bley gegossen und vergoldet.
  18. Für eben denselben auf die Haupttreppen dero prächtigen Palastes in München 9 acht Fuß hohe Statuen, und 8 grupirte Genies.
  19. Für ersagten Herrn Generalfeldmarschallens zweytgebohrnen Herrn Sohn, Grafen August, churbaierischen Hofrathspräsidenten, zu dem Hochaltare in Bogenhausen, den heil. Ritter Georg zu Pferd, und zwo andere Statuen in Lebensgröße; in dem obern Auszug ist die heil. Dreyfaltigkeit und andere Verzierungen zu sehen.
  20. Das Grabmal für des Freyherrn Reichbergs Frau Gemahlinn, welches von gegossener Arbeit und aus Marmor ist.
  21. Für den Freyherrn von Rufin zwey Altäre in die St. Peters Kirche in München; die Kanzel in die Kirche des Hieronymitauerklosters, eben daselbst.
  22. Das Grabmal für dero Frau Schwester; hiebey ist eine liegende Figur von gegossener Arbeit, die dabey angebrachte Achitectur hingegen von Marmor.
  23. Für eben diesen Freyherrn nach Maria Eichel unweit dero Landgut Planeck, einen Altar.
  24. Für Herrn Weinwirth Huber in München eine große Statue, den römischen König vorstehend, mit der Fama und einem Genio, wie auch zwey Vaßen.
  25. Eben daselbst für Herrn Kaufmann Sauer einen Altar, in seine Hauskapelle, worauf die heil. Dreyfalligkeit mit zwey stehenden Engeln, dem heil. Michael und Schuzengel, zu sehen.
  26. Für den Wechselherrn Nocker in München ein Vesperbild, in seine Hauskapelle.
  27. Das nämliche für Herrn Kaufmann Storch seligen Andenkens, eben allda.
  28. In die Stlftskirche zu unser lieben Frauen in München den heil. Apostel Jakobi in Lebensgröße.
  29. In die Pfarrkirche zu St. Peter, eben allda, das Grabmal des jüngst verstorbenen Dechanten Härtels, in Form einer Piramide, die mit des Verstorbenen Porträt, seinem Wappen, und andern Zubehörden verziert ist.
  30. In die Kirche des Herzogsspitals in München zu eben diesem Altare der schmerzhaften Mutter zwey kniende große Engel.
  31. Für die Theatiner in München zwey große Engel, die das Gemälde des heil. Cajetans halten.
  32. Eine große verschnittene und mit einen Genio gezierte Einfassung, auf den Frauenaltar, die nachhero von Silber gemacht, und vergoldt worden.
  33. Für die Herrn Jesuiten, eben allda, zwey große Engel zum Tabernakel.34) Die heil. Anna, und
  34. den heil. Joachim in die Frauenkapelle, jede Statue 6. Fuß hoch.
  35. Vier Brustbilder, welche vier Apostel vorstellen.
  36. Acht Stücke von erhabener Arbeit, oder Basreliefs, und
  37. zwey drey Fuß hoch stehende Engel. Diese lezten zehen Stücke sind nachhero von Silber gemacht worden.
  38. Für die Karmeliten eben allda ein Tabernakel mit Engeln verzieret.
  39. Eine Madonna auf den Scapulieraltar.
  40. Noch eine solche mit dem Kinde auf dem Sessel sitzend.
  41. Den heil. Joseph zweymal.
  42. Drey Brustbilder, die Mutter GOttes, den heil. Johannes den Evangelisten, und den heil. Lucas.
  43. Für die Franciscaner eben daselbst, drey lebensgroße Statuen, die heil. Anna, den heil. Joachim, und den heil. Florian.
  44. Für die Klosterfrauen im Bittrich, auch in München, das Tabernakel auf dem Hochaltar in ihrer Kirche mit allerley Verzierungen, der nachmals von Silber gemacht worden ist.
  45. Für die Hieronymitaner auf dem Lechel nächst München das Tabernakul, mit Genien und andern Sachen verzieret.
  46. Auf den äußern Gottesacker der Stadt München das Grabmal des berühmten Hofmalers und churfürstl. Malerey Inspectors Balthasar Augustin Albrechts (* Dieser Künstler ist 1687. zu Berg unweit Aufkirchen in Oberbayern gebohren, und aus dieser Welt den 15. August 1765. abgerufen worden) mit dessen Porträt und einem Genio, alles von Marmor.
  47. In die Maria Hülf Kirche in der Au, unweit München, den Hochaltar, worauf die Mutter GOttes mit den 4. Welttheilen, Genien und andern Verzierungen.
  48. In die churfürliche St. Michaelskirche zu Berg, unweit München, sieben Altäre. Auf dem Hochaltar stehen die sieben Erzengel in Lebensgröße; auf den Altären die zwölf Apostel. Auf der Faßade dieser Kirche der heil. Erzengel Michael, zehen Fuß hoch.
  49. Für das Kloster der Urselinerinnen zu Nymphenburg, auf eben den Hochaltar, den heil. Johann von Nepomuk, und den heil. Petrus Fererius.
  50. Für das Kloster Tegernsee, vier große Statuen, den heil. Sebastian, Rochus, Florian, und Agatha.
  51. Ferner den heil. Benedict, welcher nachmals von Silber gemacht worden, wie auch Genios und andere Verzierungen.
  52. Für das Kloster Scheftlarn sieben Altäre, die Kanzel, die Verzierungen zur Orgel und sechzehn große Statuen von Heiligen und Engeln.
  53. Für das Kloster Diessen zwey Altäre, zwey Tabernakel, und die Verzierungen zur Kanzel, und Orgel, wie auch das Altärchen in die Abtey, samt andern Ornamenten.
  54. Für das Kloster heiligen Berg, oder Bergadechß, eine Madonna samt dem Tabernakel auf den Hochaltar, und die hierzu erforderlichen Verzierungen.
  55. Ferner, vier Altäre und zwo lebensgroße Statuen die heil. Elisabetha und den Nicolaus vorstellend.
  56. Für das Kloster Steinbach, die zwey Stifter desselben, und eine Auferst.
  57. Für das Kloster Ettal sechs Altäre mit 12 großen Statuen der Heiligen, und eine Kanzel.
  58. Für das Kloster Polling das Tabernakel mit zwo lebensgroßen Figuren, wie auch die Stifter dieses Klosters, den Kaiser Heinrich und dessen Gemahlinn Kunigunda.
  59. Für das Kloster Benedictbaiern einen Altar mit dem heiligen Georgius zu Pferd, samt der übrigen Verzierung.
  60. Für das Kloster Fürstenzell den Hochaltar, samt dem Tabernakel und sechs großen Statuen.
  61. Für das Kloster Altomünster sechs Altäre mit neun großen Statuen, Genien und anderen Schnizarbeiten.
  62. Für das Kloster der Urselinerinnen zu Landshut zwey lebensgroße Engel mit Kennzeichen aus der Lauretanischen Lytaney.
  63. Für das Kloster der Karmeliten zu Schongau den Hochaltar mit zwo sieben Fuß hohen Statuen die heil. Anna und Elisabetha; wie auch zwey große Engel und andere Ornamente.
  64. Für das Kloster der Karmeliten zu Urfarn vier Altäre, worinn statt der Altarblätter erhobene Arbeit ist; hierzu zwo sieben Fuß hohe Statuen den heil. Antonius und Cajetanus.
  65. Ferner ein großes Crucifix nebst der Mutter GOttes unter dem Kreuze, und ein kleines Altärchen auf den Chore.
  66. Nach Graf Rath einen Hochaltar mit den heil. Aposteln Philippus und Jakobus. In den obern Auszug Christus mit dem heil. Ratho.
  67. Das Tabernakel zu diesem Altar mit Engeln und andern Verzierungen.
  68. In die Kirche zu Gauting den Altar, in dessen Mitte der heil. Joseph mit dem JEsuskinde sitzet.
  69. Ueberdas vier Statuen die heil. Elisabetha, Zacharias, Franciscus Xaverius, und Franciskus Salesius.
  70. Nach Buchendorf, den Erzengel Michael.
  71. Auf den Calvariberg, unweit Schleißheim, ein Eccehomo.
  72. In die Pfarrkirche zu Grafing, drey Altäre.
  73. Ebendaselbst für Herrn Grandauer ein Vesperbild.
  74. In die Reichsprälatur Ochsenhausen, zwey Altäre.
  75. Für den chursächsischen Hofrath Herrn Ponte vier Gruppen: a. die Geburt Christi; b. die Auferst. Christi; c. Christus im Schoße seiner Mutter; d. Christus am Kreuze und unter demselben seine Mutter. Diese vier Stücke sind vier Fuß hoch.

Dieses sind nun die vorzüglichsten Werke unsers unermüdeten Künstlers. Von kleinern, die er in einer ungeheuren Meng gemacht hat, wollen wir hier nichts melden, weil wir durch den engen Raum dieses Kunstblattes allzusehr eingeschränkt sind. Nur wollen wir hier noch von seinen zween Scholaren eine Nachricht geben. Der ältere ist Herr Franz Ignaz Günter, Bildhauer in München, von dessen zwo Statuen in unser Kunstzeitung vom Jahre 1771. im 28. Stück Seite 217. eine Beschreibung zu finden ist. Dieser Künstler ist in Baiern unweit Kelheim gebohren, und von seinem Vater zu Herrn Straub in die Lehre gegeben worden, bey dem er sieben Jahre lang gearbeitet hat. Der andere ist Herr Franz Xaver Messerschmid, der sich itzo als kaiserlich-königlicher Hofbildhauer und Professor der Sculptur bey der Akademie der Künste in Wien befindet, und eine ansehnliche Stelle, nach dem Urtheile des Herrn Köremons, das ist, des Herrn von Scheib, im zweyten Theile seines Unterrichts von Kunstsachen S. 93. mit dem größten Ruhm begleitet, und ohne Zweifel einer der geschicktesten Bildhauer unsrer Zeit ist. Herr Messerschmid ist des Herrn Straubens leiblicher Schwester Sohn, und zu Eisensteig in Schwaben, allwo sein Vater Weißgärber war, gebohren. Sein Vater schickte ihn bey noch sehr jungen Jahren zu Herrn Straub in die Lehre, bey der er sieben Jahre lang geblieben ist. Hier können wir nicht umhin, von einer Begebenheit Meldung zu thun, die sowohl Herrn Straub als den Herrn Messerschmid Ehre macht. Als nämlich Herr Messerschmid vor vier Jahren durch München nach Wisensteig gieng, um allda seiner noch lebende Mutter zu besuchen, so hielt er sich in München etliche Wochen lang auf, und machte allda, aus Dankbarkeit, das Porträt seines Vetters und Lehrmeisters nach der Natur, von Ton in Profil, wie auch dessen drey Töchter, etwas kleiner in ein Stück zusammen. Jenes Stück formte Messerschmid ab, und goß dasselbe in Bley; es ist dasselbe noch bey Herrn Strauben zu sehen. Daß Herr Roman Booß bey Herrn Straub neun Jahre lang in Condition gestanden, ist schon in unsre Kunstzeitung vom Jahre 1770 im 23 Stück 183 Seit. angemerkt worden. Joseph Weinmüller aus Euterang in Schwaben, ein geschickter junger Mensch hat die Kunst vier Jahre lang bey Herrn Straub gleichfalls studiert, und verdienet also auch hier namhaft gemacht zu werden. Wir wünschen dem ehrvollen Alter des Herrn Straubens viele Zufriedenheit und Ruhe.

Augsburgisches monatliches Kunstblatt. Dritter Jahrgang, VII. Stück. 31. Juli 1772.

#Biographische Schriften (1833)

Seit meiner letzten Anzeige starb er arme, alte, brave Maler Stephan, starben Straub, und Schega, und viele andere giengen dahin, deren Andenken uns rühmlich und lehrreich ist. Ich will dießmal nur des Straubs, und des Schega, und der übrigen in der Folge gedenken.

Straub.

Einen Auszug der vornehmsten Lebensumstände dieses berühmten Künstlers (so wie vieler anderer damals lebender bayerischer Künstler, nebst den Anzeigen ihrer Werke) hat uns schon im Jahre 1772 unser um die Gelehrsamkeit und die Künste bestens verdiente Herr Oberlandesregierungrath Johann Caspar Edler von Lippert in dem zu Augsburg gedruckten monatlichen Kunstblatt (3ter Jahrgang 7tes Stück S. 53) geliefert.

Johann Baptist Straub wurde 1704 den 23. Jun. zu Wiesensteig, einem im schwäbischen Kreis liegenden, und nach Bayern gehörigen Städtchen, geboren. Sein Vater, Johann Georg, war daselbst ebenfalls Bildhauer, und hielt seine fünf Söhne, welche er aus zweien Ehen, nebst einigen Töchtern, erhalten hatte, sämmtlich zu seiner Kunst an, wie sie sich dann auch auf dieselbe mit vielem Eifer verlegt, und sich in verschiedenen Ländern, als Philipp zu Grätz in Steiermark, Joseph zu Marburg ebend., Johann Georg zu Rackersburg ebend., und Franz zu Agram in Kroatien, als Bildhauer niedergelassen haben.

Unser Johann Baptist hatte kaum einige mechanische Fertigkeiten bei seinem Vater erlernet, als ihn dieser nach München schickte, und seinem Freunde, dem kurfürstlichen Hofbildhauer Gabriel Luidl gleichsam erst von neuem in die Lehre gab. Binnen vier Jahren, welche er bei diesem Künstler übte, brachte er es so weit, daß man ihn vor vielen andern wählte, die prächtigen Verzierungen, womit die schönen Zimmer der kurfürstlichen Residenz verherrlichet werden sollten, zu verfertigen. Er verließ nunmehr seinen Lehrmeister, und widmete sich gänzlich seiner ehrenvollen Arbeit, welche er in zwei Jahren zur größten Zufriedenheit des Hofes vollendete. Da er aber je länger je mehr wahrnahm, wie groß der Umfang seiner Kunst, und wie unendlich viele der Stufen wären, welche ein Künstler mit Talent durch Hülfe einer geistreichen Anleitung, durch lange und reife Betrachtungen des Schönsten in seiner Art, und durch unabläßliche Versuche und Uebungen besteigen müßte, um eine höhere Vollkommenheit zu erreichen, so faßte er den Entschluß, nach größern Städten, wo damals die Bildhauerkunst nicht so fast mehr geachtet, als durch Bestellung häufiger und schöner Arbeiten mehr ermuntert und geübt würde, zu wandern.

Mit diesem Vorsatze kam er nach Wien zu Herrn Ignaz Gunst, und nachmals zu Herrn Christoph Mader, Bildhauer des Prinzen Eugenius. Bei diesem Mader blieb er drei Jahre, und nahm an dessen zahlreichen und prächtigen Arbeiten immer einen unmittelbaren Antheil. Er wurde auch wegen seiner Geschicklichkeit täglich mehr bekannt, und als der Herr Abt de Monte Serrario eben einen neuen Kloster- und Kirchenbau vornahm, erhielt von ihm unser Straub den Auftrag, die Bildhauerarbeit zu verfertigen. Diese bestand in einer Madonna von der Größe, wie sie in Spanien zu Monte Serrato zu sehen ist, dann in den Oratorien, einer Kanzel, und verschiedenen erhabenen Arbeiten, und Verzierungen, welche in dieser Kirche noch diese Stunde zu sehen sind. Die Schönheit dieser Arbeiten zog ihm viele Achtung zu, und erwarb ihm zumal die Freundschaft des kaiserlichen Hofbaumeisters Freiherrn von Fischer, und des berühmten Architekten Bibiena, deren Umgang und Unterricht ihm vielen Nutzen verschaffte.

Dieser glückliche Fortgang des jungen Straub, und sein täglich wachsender Ruf machte seine Landsleute auf eine edle Art eifersüchtig; sie wünschten ihn bei sich zu haben, und der berühmte bayerische Hofbildhauer Andreas Faistenberger lud ihn ein, nach München zurück zu kommen, und mit ihm gemeinschaftlich zu arbeiten. Straub folgte diesem Aufruf mit tausend Freuden, arbeitete einige Zeit mit Faistenberger, aber bald darauf für sich selbst. Seine Werke erhielten auch allen den Beifall, und eine sieben Schuh hohe Venus mit drei Genien, welche er zu einem Springbrunnen in das Graf königsfeldische Haus verfertigte, gefiel so sehr, daß ihn der Kurfürst, und nachmalige Kaiser Albert sogleich zum Hofbildhauer ernannt, und sohin mit München auf immer verbunden hat. Herr von Lippert nennet in seiner dem augsburgischen Kunstblatt eingerückten Anzeige 75 der ansehnlichsten Werke, welche unser Straub seit 36 Jahren, als der Zeit seines Aufenthaltes in München, verfertiget hat, deren Wiederholung aber hier zu weitläufig seyn möchte.

Straub hatte sich zweimal verheirathet, als a) mit Theresia Elisabetha, einer Tochter des hiesigen Hofkupferstechers Fr. Xaver Spät, mit welcher er binnen einer ellfjährigen Ehe fünf Kinder erzeugte, welche aber alle ihrer Mutter in das frühe Grab gefolgt sind, b) mit Elisabetha Theresia, Tochter des kurf. Hofgerichtsadvokatens und Auditors Herrn Johann Schluttenhofer. In dieser Ehe erhielt er zehn Kinder, wovon aber nur noch zwei Töchter am Leben sind. Was unserm Straub zur vorzüglichen Ehre gereicht, ist, daß auch seine Scholaren berühmte Künstler geworden sind. Der ältere war Herr Franz Ignaz Günter, Bildhauer in München, von dessen Leben und vorzüglichem Werken ich im nächsten Theile eine befriedigende Erwähnung machen werde. Der zweite Scholar war Herr Franz Xaver Messerschmid, sein Schwestersohn, der sieben Jahre bei ihm zugebracht, und einen ganz besondern Grad von Vollkommenheit erreicht hat. Messerschmid wurde nachmals zu Wien kais. kön. Hofbildhauer und Professor der Skulptur bei der dasigen Akademie der Künste, gieng aber einige Zeit darauf nach Preßburg, wo er unlängst gestorben ist. Zu einem Denkmal der Dankbarkeit gegen seinen Vetter und Lehrmeister hat er dessen Portrait nach der Natur, von Ton, im Profil, so wie auch die Portraite der straubischen Töchter, deren damals drei am Leben waren, in Ein Stück zusammengeformt, und nachmals in Blei gegossen, wie sie noch vorhanden sind. Auch verfertigte er für die verstorbene zweite Frau des sel. Straub den schönen einfachen Leichenstein, voll sanfter Rührung und stiller Melancholie, dessen ich im ersten Theile meines Jahrbuches S. 163 erwähnet habe. Auch unser noch lebende Hofbildhauer, Herr Roman Booß, der die ältere Tochter des Herrn Straub geheiratet hatte, stand bei ihm neun Jahre in Arbeit. Herr Johann Bapt. Straub starb den 15ten Juli 1784 im 80sten Jahre seines Alters.

Lorenz von Westenrieder: Sämmtliche Werke: Biographische Schriften. Kempten, 1833.

#Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Straub Johann Baptist, 1704 (Wiesensteig/Wttbg.) – 1784, Hofbildhauer; Sohn eines Bildhauers, lernte er die Anfangsgründe bei seinem Vater, 1722/26 bei dem Hofbildhauer G. Luidl in München und schließlich ab 1728 bei J. Gunst und vor allem bei G. R. Donner und Ch. Mader in Wien, wo er mit Fischer von Erlach und Bibiena bekannt wurde; dann zog er wieder nach München, wo er Gehilfe von A. Faistenberger wurde und nach dessen Tod (1735) dessen Werkstatt kurze Zeit übernahm; 1736 »erwirbt er sich selbst durch die Fertigung einer sieben Schuh hohen Venus samt dreyen Genien zu den Springbrunnen in das itzige Grafkönigsfeld’sche Haus« (Erzbischöfliches Palais an der Kardinal-Faulhaber-Straße) den Titel eines Hofbildhauers und die Gunst Karl Albrechts; vom Schicksal wenig begünstigt – er lebte stets in sehr bescheidenen Verhältnissen, 1748 stirbt seine erste Frau, fünf Kinder folgen ihr in jungen Jahren, aus der zweiten Ehe bleiben von zehn Kindern nur drei Mädchen, von denen eines, Maria Theresia Amalia, seinen Schüler R. A. Boos heiratet –, besaß St. ausgesprochene Führertalente (zahlreiche Schüler: u. a. G. I. Günther, Boos, Messerschmidt) und war tief gläubig, was am besten die Inschrift auf der Madonna seines Hauses bezeugt: Causa nostrae laetitiae (Ursache unserer Freude).

Hauptwerke: Altaraufbauten, Tabernakel und Figuren in den Klosterkirchen von Schäftlarn, Fürstenzell, Ettal, Andechs, St. Anna, München, St. Michael, München, Berg am Laim, Tegernsee, Ursulinen in Landshut, Englische Fräulein in München-Nymphenburg, Grafrath, Polling, St. Georg in München-Bogenhausen, Altomünster, Figuren Nymphenburger Schloßpark, im Treppenhaus des Törring-Palais; neben G. I. Günther ist St. der Hauptmeister der Plastik Münchens und Altbayerns im 18. Jahrhundert.

© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.